Frankfurter Neue Presse Beitrag vom 29.05.2018

RAD-DEMO NACH BERLIN

Frankfurter Therapeuten fühlen sich schlecht behandelt

VON MARK OBERT
Sie arbeiten immer mehr und verdienen immer weniger: Physiotherapeut Heiko Schneider sieht sich, Kollegen und Patienten als Opfer eines kranken Systems. Sein Brandbrief ans Gesundheitsministerium hat eine Welle der Empörung und Solidarität ausgelöst.
Frankfurt

29.05.2018

Strampeln sich im Beruf ab und jetzt für ihre Rad-Demo nach Berlin: „Therapeuten am Limit“ steht auf den Fahnen, die Heiko Schneider (rechts) und seine Kollegen zum Gesundheitsministerium tragen – zusammen mit all den Unterstützerbriefen aus dem gesamten Bundesgebiet. Das Foto zeigt die Gruppe gestern kurz vorm Start im Nordend.

Rainer Rueffer– FRANKFURT AM MA/FNP

 

Der Weg ist weit und bergig. Knapp 600 Kilometer haben Heiko Schneider (42) und einige Kollegen vor sich. Sie radeln in acht Tagen von Frankfurt nach Berlin, wo sie mit vor dem Gesundheitsministerium demonstrieren werden, 1000 Leute sind angemeldet. Start war gestern in der Schleiermacherstraße im Nordend, Physiotherapeut Schneider hat dort seine Praxis, einige Dutzend waren gekommen und fuhren mindestens bis zur Stadtgrenze mit. Berlin ist für die meisten denn doch zu weit. Das eigentliche Ziel der Demonstrationstour liegt in noch weiterer Ferne: bessere Bedingungen für alle sogenannten Heilmittelerbringer, also Physio-und Ergotherapeuten- sowie Logopäden und Podologen. Und damit auch bessere Behandlung für Patienten.

Miete frisst Gehalt auf

„Therapeuten am Limit“ heißt die Kampagne, die Schneider im März mit einem Brandbrief an das Gesundheitsministerium losgetreten hat. Kernkritik: Im Durchschnitt verdienen ambulante Therapeuten nur 2200 Euro brutto im Monat, trotz vieler Patienten, trotz langer Arbeitszeiten. 19,58 dürfen sie zum Beispiel für 20 Minuten Krankengymnastik abrechnen, nicht bezahlt werden Diagnostik, Dokumentation und die Zeit für An- und Ausziehen.

Tariflich bezahlte Kollegen in Krankenhäusern erhalten pro Monat bis zu 50 Prozent mehr – bei geregelten Arbeitszeiten. Schneider kommt am Tag auf gut zehn Stunden, manchmal sogar mehr. Zuletzt konnte er sich selbst gar kein Gehalt auszahlen, die Warmmiete für die Praxis-Räume beträgt 2100 Euro monatlich, eine Rezeptionistin beschäftigt er. Anders als viele Kollegen hat er noch Glück. Er lebt zurzeit vom Gehalt seiner Lebensgefährtin. Betriebswirtin ist sie. „Sie schüttelt nur den Kopf über das Missverhältnis von Einnahmen und Ausgaben“, sagt Schneider.

Mittlerweile haben er und seine vier Mitorganisatoren auch mit unermüdlicher Öffentlichkeitsarbeit alle gut 20 Therapeuten-Verbände auf ihre Seite gezogen. Vor dem Hintergrund, dass die sich für gewöhnlich mehr bekämpfen als unterstützen, eine stolze Leistung. Aufmunternde Briefe von Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet geben zusätzlich Rückenwind. „Ich bin schon seit 20 Jahren am Limit“, schrieb eine Therapeutin.

Im Gegensatz zu wohlmeinenden Politikern aller Parteien hat das Gesundheitsministerium auf den Brandbrief nicht geantwortet; der Verband der Krankenkassen GKV hat auf drei Seiten die rechtlichen Grundlagen der Vergütungsverträge erläutert, worüber Schneider und Mitstreiter nur lachen können. Die AOK scheint Problem und Anliegen zu verstehen und meldete Gesprächsbedarf an.

Patienten-Lobbyisten wie der VdK und der Paritätische Wohlfahrtsverband solidarisierten sich sofort – schließlich müssen die von den Therapeuten beklagten Missstände jene Menschen ausbaden, die sich mit Wirbelsäulen-, Gelenk- und sonstigen Schmerzen herumplagen. Und die werden immer mehr. Die Gesellschaft altert, die Belastungen für Büromenschen und Arbeiter im Niedriglohnsektor nehmen zu. Heiko Schneider erlebt es immer öfter, dass manche viel zu spät zu ihm kommen – auch, weil sie Angst vor Fehlzeiten, Angst um den Arbeitsplatz haben.

Heillos gegen Heilung

Die meisten Patienten aber haben lange Wege und Wartezeiten hinter sich, manche werden gar nicht zum Therapeuten geschickt. „Weil das ganze System krankt“, sagt Schneider. Die Ursachen und Folgen:

Patienten kommen nach einer Odyssee über Hausarzt und Orthopäde viel zu spät zum Therapeuten, womit die Gefahr chronischer Beschwerden steigt.

Nicht nur auf Termine bei Fachärzten warten Patienten lange. Auch beim Therapeuten müssen sie Geduld aufbringen. Die meisten Praxen sind ausgelastet. Grund: Es gibt zu wenige Heilmittelerbringer, wegen der prekären Lage ist Nachwuchs rar.

Orthopäden empfehlen Operationen, wo gar keine nötig wären – und verordnen ihrem Patienten folglich keine Heilmittel.

Manche Fachärzte zögern Behandlung, Diagnose und Rezept für den Therapeuten bis ins nächste Quartal hinaus, weil ihr Budget für Rezepte aufgebraucht ist.

Manche Patienten bekommen aus demselben Grund nur beispielsweise sechs Krankengymnastiken oder Lymphdrainagen verschrieben statt notwendigerweise viel mehr.

Heiko Schneider könnte die Liste endlos weiterführen, seine Korrespondenz mit Akteuren des Systems füllt denn auch bereits einen Aktenordner. Gegenwind, sagt er gebe es kaum. Lösungen liegen auf der Hand, findet er. Bessere Bezahlung ist eine, Direktzugang eine andere. In vielen anderen EU-Ländern verdienen Therapeuten besser, in fast allen anderen EU-Ländern dürfen sie Patienten auch ohne Rezept behandeln. Schließlich diagnostizieren etwa Physiotherapeuten genauso gut wie Orthopäden – und könnten in den meisten Fällen schnell helfen. Darin aber, sagt Heiko Schneider, liege die Krux. „Wir heilen die Patienten, und das ist vom System nicht gewollt.“

MARK OBERT

Quelle:

http://m.fnp.de/lokales/frankfurt/Frankfurter-Therapeuten-fuehlen-sich-schlecht-behandelt;art675,3001696