Gießener Anzeiger Beitrag vom 26.05.2018

Brandbrief setzt auch im Landkreis Gießen Welle der Solidarität in Gang

Von Ines JachmannKREIS GIESSEN

Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Podologen arbeiten am Limit. Trotz voller Auslastung gehen die Umsätze immer weiter zurück. „Wir werden von Patienten überflutet und können trotzdem davon nicht leben“, erzählt Physiotherapeut Heiko Schneider. Fixkosten, Einnahmen und Ausgaben stünden in keinem Verhältnis mehr. Körperliche und psychische Grenzen zu überschreiten gehöre mittlerweile zum Alltag. Hinzu kommen die täglichen Konflikte wie beispielsweise falsch ausgestellte Rezepte der Ärzte oder die Sorgen der Patienten und Angestellten. Dem Frankfurter reichte es. Mit einem Brandbrief wandte er sich an die Bundesregierung. Womit er nicht rechnete: Bundesweit setzte eine Welle der Solidarität ein. Sein Brief hatte scheinbar genau ins Schwarze getroffen. Auch aus dem Landkreis Gießen erhielt er Zuspruch.

Physiotherapeut Panagiotis Tzallas aus Laubach kennt die Probleme nur zu gut. Der finanzielle Druck sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, sagt er. Ein großes Problem sei die Budgetierung der Ärzte, erzählt Frank Menges aus Langgöns. Patienten würden dadurch selbst bei dringendem Bedarf nicht mehr das bekommen, was ihnen eigentlich zustünde. Sechs Mitarbeiter beschäftigt er in seiner Praxis. Um einen Termin zu bekommen, braucht man als Patient viel Geduld. Vier Wochen beträgt die Wartezeit.

Doch lange Wartezeit beuteten nicht gleich einen hohen Verdienst für die Therapeuten. „Sie verdienen als Physiotherapeut nur Geld, wenn sie mindestens 50 bis 60 Stunden in der Woche arbeiten. Aufgrund der schlechten Vergütung könne man aber nur noch mit Umsatzsteigerung Geld verdienen. Das bedeute: Entweder die Zeit am Patienten zu reduzieren (statt 25 Minuten Behandlung nur noch 15 Minuten) oder höhere Beiträge zu verlangen.

Schlechte Vergütung, Fachkräftemangel, Unterversorgung der Patienten, lange Wartezeiten, keine Kapazität für Hausbesuche – der Versorgungsauftrag der Krankenkassen könne nicht mehr geleistet werden, meint Heiko Schneider. Sein Vorwurf gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen: Sie tun zu wenig für die Therapeuten und hätten sich zu weit von der tatsächlichen Basisarbeit entfernt.

Das sieht man bei der AOK Hessen nicht so. „Die Krankenkassen, so auch die AOK Hessen, haben die Vergütung aktuell um das etwa Dreifache der regulären bis vor kurzem noch üblichen Steigerungshöhe angehoben. Keine Berufsgruppe im Gesundheitswesen hat eine derart hohe Vergütungsanhebung verhandeln können in den vergangenen Jahren. Hessen liegt hinsichtlich der Vergütung für eine Regelleistung sogar leicht über dem Bundesdurchschnitt. Es sind 13 Cent mehr“, erklärt Pressesprecher Stephan Gill gegenüber dem Anzeiger. „Auch haben wir keinerlei Hinweise, dass in Hessen Physiotherapeuten fehlen würden und somit auffallend lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen wären. Es ist zwar richtig, dass sich die Krankenkassen an der Aus- und Fortbildung nicht finanziell beteiligen, sie können dies aber auch nicht. Hierfür gibt es einfach keine gesetzliche Grundlage.“

Das Land habe keine Einflussmöglichkeit auf die derzeitige Situation der Therapeuten, erklärt Markus Büttner, Pressesprecher im Sozialministerium. „Der Bundesgesetzgeber hat die Verhandlungen über die Versorgung mit physiotherapeutischen Leistungen, der erforderlichen Weiterbildungen, über die Preise, deren Abrechnung und die Verpflichtung der Physiotherapeuten zur Fortbildung den gesetzlichen Krankenkassen und den Physiotherapeuten, ihren Verbänden oder sonstigen Zusammenschlüsse der Physiotherapeuten übertragen.“

Am Montag startet Heiko Schneider mit mehreren Kollegen eine Protest-Fahrradtour nach Berlin. Um 10 Uhr geht’s in Frankfurt los. Auf seiner ersten Etappe wird er auch in Laubach Halt machen und Briefe und Anregungen seiner Kollegen aus dem Landkreis Gießen einsammeln.

 

Quelle:

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kreis-giessen/landkreis/brandbrief-setzt-auch-im-landkreis-giessen-welle-der-solidaritaet-in-gang_18793625.htm