GIESSENER ANZEIGER Beitrag vom 30.05.2018

Physiotherapeuten aus Kreisen Gießen und Vogelsberg unterstützen „Brandbrief“

KREIS GIESSEN – Menschenleere Straßen, Temperaturen um die 30 Grad, heißer Asphalt – Laubach wirkt am Montagnachmittag wie ausgestorben. Gespannt blickt Panagiotis Tzallas die Straße vor seiner Physiotherapiepraxis hinunter, dann auf sein Handy. „Sie müssten jeden Moment da sein“, sagt er. Und tatsächlich. Zwei winzige Punkte tauchen in der Ferne auf. Langsam kommen sie näher, werden größer und entpuppen sich als Radfahrer. Nur noch wenige Meter, dann ist es geschafft. Das erste Etappenziel erreicht. Etwa 78 Kilometer liegen hinter Heiko Schneider und Vanessa Diehl. Die beiden sind sichtlich am Limit. So wie ihr Berufsstand.

„Pflegeberufe, Hebammen, Therapeuten – allesamt liegen sie schon durch die stetig schröpfende Gesundheitspolitik am Boden. Was genau wollen unsere schlauen Köpfe in Berlin? Wo soll das noch hinführen? Jetzt ist Schluss, Herr Spahn. Wir machen das nicht mehr mit.“ – ein knappes Dutzend Physiotherapeuten aus dem Vogelsbergkreis und Gießener Umland lässt einige Stunden später bei einem Stammtisch in einer Physio-Praxis in Mücke ihrem Unmut freien Lauf. Unter ihnen Heiko Schneider, aktuell der wohl bekannteste Physiotherapeut in Deutschland. Der Frankfurter startete am Morgen in der Mainmetropole seine Protest-Fahrradtour gen Berlin, um am kommenden Dienstag dem Gesundheitsausschuss im Bundestag seinen aussagekräftigen „Brandbrief“ und Hunderte „Hilferufe“ von Berufskollegen aus dem gesamten Bundesgebiet persönlich zu übergeben.

„Wir wollen endlich bessere Arbeitsbedingungen zur Versorgung der Patienten und mehr Geld“, brachte die Runde den Kern ihrer Unzufriedenheit auf den Punkt. Neben den hohen Ausbildungs- und Fortbildungskosten, die die Auszubildenden und Therapeuten selbst finanzieren müssen, sowie den täglichen Auseinandersetzungen mit verordneten Leistungskürzungen, der Wut und Verzweiflung der Patienten, stehe die Entlohnung in keinem Verhältnis. Ein Physiotherapeut verdiene im Durchschnitt knapp 2200 Euro brutto – viele noch weniger. „Damit kann man keine Familie ernähren“, waren sich alle Anwesenden einig.

Die Folgen: Praxen arbeiteten am Limit und erwirtschafteten am Monatsende zunehmend weniger. Vielerorts stünden zehn bis zwölf Stunden Arbeitszeit an der Tagesordnung – eine Belastung, die keiner auf lange Dauer durchhalte. Patienten müssten immer länger auf einen Termin warten. Vier bis sechs Wochen seien keine Seltenheit. Hausbesuche würden teils gar nicht mehr angeboten oder vollzogen. Teurere Therapie-Formen würden von den Krankenkassen einfach gestrichen, sodass die Praxisbetreiber mitunter auf den Anschaffungskosten ihrer eigens dafür integrierten Geräte sitzen bleiben.

Für viel Diskussion sorgte auch die Aussage des Vertreters der AOK Hessen, dass keine Berufsgruppe im Gesundheitswesen eine derart hohe Vergütungsanhebung in den vergangenen Jahren erhalten habe wie die Physiotherapeuten (der Anzeiger berichtete).

„Für die Öffentlichkeit klingt das so, als würden wir mit einem Schlag fast ein Drittel mehr Gehalt bekommen. Wahr aber ist, dass unsere Angleichung an die tarifvertraglich bezahlten Therapeuten in Zeitraum von drei Jahren in mehreren Schritten erfolgt“, stellten die freiberuflichen Leistungserbringer am Beispiel des Budgets für Krankengymnastik (KG) dar.

Im Jahr 2000 bezahlten die Krankenkassen für die reine KG-Stunde 13,14 Euro. Erst 2017 gab es eine Erhöhung auf 16,03 Euro. Durch die erste Aufschlagsrate von zehn Prozent erhalten die Fachkräfte fortan 17,55 Euro für ihre Behandlung. Politik, Krankenkassen, Verbände und Therapeuten müssen an einen Tisch – das ist das Ziel von Schneiders Fahrrad-Mission nach Berlin. Die erste Etappe ist geschafft. Im Landkreis Gießen und dem Vogelsberg hinterlässt der Frankfurter bereits sichtbare Spuren. Bislang trafen sich die Therapeuten aus der Region selten zu einem Gespräch. Das aber soll sich in Form eines „Stammtisches“ ändern.

„Es geht uns nicht gut“

„Ich lebe von meinen Händen. Ich schätze meine Arbeit sehr. Wir Therapeuten sind so nah am Patienten wie kaum ein anderer. Extrem schlecht geht es uns nicht, aber es geht uns auch nicht gut. Noch stehen wir gesellschaftlich in der Mitte“, meint Matthias Mrochen, der in Wettenberg eine Praxis betreibt.

Quelle:

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kreis-giessen/landkreis/physiotherapeuten-aus-kreisen-giessen-und-vogelsberg-unterstuetzen-brandbrief_18800648.htm