Märkische Allgemeine Beitrag vom 12.07.2018

Logopädin Carolin Schreiber unterstützte Rieke Guhl: Am Sonntag machten sie zusammen mit Straßenmalkreide auf die Misstände und Probleme ihrer Berufsgruppe aufmerksam.
Logopädin Carolin Schreiber unterstützte Rieke Guhl: Am Sonntag machten sie zusammen mit Straßenmalkreide auf die Misstände und Probleme ihrer Berufsgruppe aufmerksam. Quelle: privat
Perleberg

Mit Straßenmalkreide möchte Rieke Guhl ein Zeichen setzen. Die gebürtige Perlebergerin ist seit vier Jahren Ergotherapeutin in Hamburg. Am Sonntag machte die 25-Jährige auf die Missstände der sogenannten Heilmittelerbringer aufmerksam.

Zusammen mit einer weiteren Ergotherapeutin und einer Logopädin traf sie sich, um ihre Heimatstadt Perleberg zu verschönern, wie sie selbst dazu sagt. „Therapeuten am Limit“, heißt der Leitspruch, den sie mit Straßenmalkreide öffentlich kund tat.

Voller Körpereinsatz und viele Stunden Arbeit stecken hinter der Aktion
Voller Körpereinsatz und viele Stunden Arbeit stecken hinter der Aktion. Quelle: privat

„In Gesprächen mit Freunden und Bekannten stellte ich in letzter Zeit immer wieder fest, dass ein Großteil der Leute nichts über die Missstände der Heilmittelerbringer weiß“, sagt Rieke Guhl. Das betreffe Physiotherapeuten, Masseure, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen.

Schon sehr früh war ihr klar, dass sie Ergotherapeutin werden möchte und bis heute kann sie sich nach eigenen Aussagen keinen anderen Beruf vorstellen. „Es ist für mich nicht nur ein Beruf, es ist ein großer Bestandteil meines Lebens, in den ich eine Menge Herzblut, Leidenschaft und Energie stecke.“

Kunterbunte Farben symbolisieren ein ernstes Thema
Kunterbunte Farben symbolisieren ein ernstes Thema. Quelle: privat

Doch sie selbst ziehe es in Betracht, den Beruf nicht ihr ganzes Leben auszuüben. Zu groß seien die finanziellen Belastungen und es fehle die Wertschätzung. Mit einem offenen Brief wandte sie sich schließlich an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

„Seit den ersten Stunden verfolge ich nun schon Ihre Livebeiträge bei Facebook“, schreibt sie an den Minister. Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten fanden dabei bis auf einmal keine Erwähnung, bedauere sie. Rieke Guhl wünscht sich, dass Jens Spahn in der Zukunft auch auf ihre Berufsgruppe eingeht.

Die sieben Punkte des offenen Briefes (gekürzt)

1. Wie kann es sein, dass wir Therapeuten in unserer 3- jährigen Ausbildung, bis zu 500 Euro monatlich zahlen müssen? Das sind 18.000 Euro, zuzüglich Lehrmittel, Prüfungsgebühren und Fahrtkosten zu den unentgeltlichen Praktika.

2. Wie kann es sein, dass es uns aufgrund der schlechten Bezahlung nicht möglich ist, an bedeutungsvollen Fortbildungen, die von den Arbeitgebern teilweise gefordert werden, teilzunehmen?

3. Wie kann es sein, dass zwei Drittel der Therapeuten eine Rente unterhalb der Grundsicherung im Alter erwarten?

4. Wie erklären Sie, dass den angestellten Therapeuten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Heimen bis zu 60 Prozent mehr Lohn gezahlt wird?

5. Wie kann es sein, dass immer mehr Kollegen unserem Beruf den Rücken kehren? Nicht etwa, weil dieser Ihnen keine Freude bereitet, sondern weil sie sich ein Leben mit einem solch niedrigem Gehalt, finanziell nicht leisten können.

6. Wie kann es sein, dass wir über 100 Patienten auf der Warteliste haben, die wirklich dringend therapeutische Hilfe benötigen und es uns nicht möglich ist diese zu behandeln, da es an Fachkräften mangelt?

7. Wie erklären Sie, dass wir für die stetig steigenden bürokratischen Tätigkeiten keinerlei Abrechnungsposten haben?

In ihrem offenen Brief, den sie Ende Mai veröffentlichte, benennt sie sieben Punkte, zu denen sie eine Stellungnahme wünscht, denn „so kann es nicht weitergehen“, meint sie. „Ich fordere eine deutliche Erhöhung der Vergütung durch die Krankenkassen und die Abschaffung des Schulgeldes, um den therapeutischen Beruf attraktiver zu machen.“

Sie als Therapeutin erlebe die Missstände tagtäglich und auch wenn Rieke Guhl die Augen verschließen würde, werde sie spätestens am Ende des Monats mit dem Blick auf ihre Lohnabrechnung daran erinnert, schildert sie selbst.

Überall in Perleberg machten sie auf ihr Anliegen aufmerksam
Überall in Perleberg machten sie auf ihr Anliegen aufmerksam. Quelle: privat

Vor allem das Schulgeld sei eine enorme Belastung. „Wie kann es sein, dass wir Therapeuten in unserer dreijährigen Ausbildung, bis zu 500 Euro monatlich zahlen müssen? Das sind 18.000 Euro, zuzüglich Lehrmittel, Prüfungsgebühren und Fahrtkosten zu den unentgeltlichen Praktika“, fragte sie Jens Spahn in ihrem Brief.

Rieke Guhl habe lange überlegt, mit welcher Aktion auch andere Berufsgruppen und künftige Patienten auf diese Probleme aufmerksam gemacht werden können. Es sollte keine Aktion sein, die viel Geld kostet, mit der man aber viele Leute erreicht schafft.

Straßenmalkreide am Straßenrand war der Ideengeber der Aktion
Straßenmalkreide am Straßenrand war der Ideengeber der Aktion. Quelle: privat

„Als ich eines morgens auf dem Weg zur Arbeit war und am Straßenrand eine Box mit Kreide entdeckte, auf der ’zu verschenken’ stand, war meine Idee geboren“, sagt Rieke Guhl. Nach einigen Minuten war auch sofort klar, welche Message kurz, knapp und eindeutig ist – „Therapeuten am Limit“. Dieser Spruch schließe alle Heilmittelerbringer ein.

Ursprünglich stammt die Aktion „Therapeuten am Limit“ von Heiko Schneider. Er verfasste den ersten Brandbrief und schloss sich mit weiteren Heilmittelerbringern zusammen, organisierte Demonstrationen und eine große Fahrrad-Aktion.

Rieke Guhl kämpft gegen die Misstände und Probleme der Heilmittelerbringer mit einer einfallsreichen Idee
Rieke Guhl kämpft gegen die Misstände und Probleme der Heilmittelerbringer mit einer einfallsreichen Idee. Quelle: privat

Im Internet lösten die folgenden offenen Briefe einen regelrechten Hype aus. Rieke Guhl erhielt aber nie eine Antwort auf ihren Brief, obwohl sie es sich gewünscht hätte. Vordergründig wollte sie aber auch andere Therapeuten motivieren ebenso einen Brandbrief zu verfassen.

Gemeinsam haben sie was erreicht: Jens Spahn reagierte auf Facebook nach etlichen Einreichungen von Brandbriefen. Er verstehe das Anliegen sehr gut und wolle nun Gespräche suchen. Für Rieke Guhl ist das aber erst der Anfang. Für sie wird das immer ein großes Thema bleiben. Weitere Projekte sollen folgen.

Von Marcus J. Pfeiffer

Quelle:

http://www.maz-online.de/Lokales/Prignitz/Perleberg/Therapeuten-am-Limit-Aktion-Perleberg-und-Brief-an-Jens-Spahn