Neue Westfälische Beitrag vom 25.05.2018

Bad Oeynhausen Therapeuten am Limit

Kämpfen für die Behandlung: Lange Wartelisten für die Patienten, Fachkräftemangel, fehlende Entlohnung und Hürden der Krankenkassen machen Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden das Leben schwer

Nicole Sielermann
24.05.2018 | Stand 24.05.2018, 12:45 Uhr
Ergotherapeutin: Gisela Neumark. Foto: Nicole Sielermann - © Nicole Sielermann
Ergotherapeutin: Gisela Neumark. Foto: Nicole Sielermann | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Die Therapeuten arbeiten am Limit. Dabei sind Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden aus der ambulanten und stationären Versorgung nicht wegzudenken. Erst ihr Einsatz reduziert volkswirtschaftliche Kosten – verringern sie doch Krankheitstage und Folgeschäden. Und trotzdem gehören zum Beispiel Physiotherapeuten zu den Angehörigen der 20 am schlechtesten vergüteten Berufe in Deutschland. Durchschnittlich 2.200 Euro brutto verdient ein Therapeut – viele noch weniger. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich aufgrund der schlechten Bezahlung für einen therapeutischen Beruf. Die Folge: Praxen müssen schließen, Patienten bleiben auf der Strecke.

Auf die bundesweite Protestwelle, die Therapeut Heiko Schneider anführt, springen auch heimische Therapeuten auf – und möchten auf die Missstände aufmerksam machen. „Es gibt einen riesigen Bedarf für Fachpersonal“, sagt Niels Backe, Leiter des Reha-Conceptes im Badehaus II. „Es entsteht manchmal der Eindruck, es gibt überhaupt keine Therapeuten.“ Und das obwohl die Stadt zahlreiche Therapie-Praxen habe.

„Die Menschen müssen adäquat versorgt werden“

„Die Menschen werden immer älter und müssen adäquat versorgt werden“, sagt Gisela Neumark, Ergotherapeutin mit eigener Praxis auf der Lohe. Doch aufgrund des Fachkräftemangels und der daraus resultierenden nicht zu besetzenden Stellen entstehen in den Praxen lange Wartelisten für die Patienten. „Eigentlich haben wir schon jetzt eine Unterversorgung“, so Neumark. „Es ist unsere tägliche Situation, das wir Patienten abweisen und an andere Praxen verweisen müssen“, ergänzt Backe. Vor allem Patienten, die über einen längeren Zeitraum Termine brauchen, haben schlechte Karten.

Verstehen kann Gisela Neumark, wenn viele junge Kollegen nach wenigen Berufsjahren die Segel streichen. „Von 2.200 Euro brutto kann niemand leben oder eine Familie gründen.“ Auch sei die Altersarmut programmiert. „Viele Kollegen bleiben aufgrund des Geldes nicht im Beruf.“ Dabei ist die Ausbildung alles andere als leicht und keinesfalls günstig. „Drei Jahre Schule mit Schulgeld an dessen Ende ein Staatsexamen steht.“ Mit ein Grund, warum sich junge Menschen gegen den Beruf entscheiden. „Es gibt in den drei Jahren keine Entlohnung.“ Das könne sich kaum noch jemand leisten. „Und“, ergänzt Niels Backe, „danach folgen bei den Physiotherapeuten mehrere tausend Euro teure Fortbildungen.“ Sonst würde die Krankenkasse die Therapie nicht anerkennen. „Es hat niemand Bock, für das viele Geld sich herausragend zu qualifizieren – und später mit einem Hungerlohn abgespeist zu werden“, kritisiert der 47-Jährige, der seinen neun Mitarbeitern Tariflohn zahlt. Immer wieder eine wirtschaftliche Herausforderung: Rund 18 Euro bekommt Backe von der Kasse für 20 Minuten Physiotherapie. Für die 20-minütige Massage sogar nur 11,80 Euro. Hinzu kommt pro Patient mindestens eine halbe Stunde Büroarbeit. „Das bezahlt dir keiner!“ Eine Praxis, sagt Backe, trage sich nur, wenn sie komplett voll belegt sei. „Aber selbst der Tariflohn ist keine Wertschätzung unserer Arbeit.“

 Fehlende Wertschätzung der Arbeit

Dabei ist die Therapie als Prävention nach einer Erkrankung oder Operation ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitssystems. Das kann Patientin Rita Holverscheid nur bestätigen. „Ohne die Hand-Rehabilitation könnte ich meine rechte Hand nicht mehr gebrauchen“, sagt die 62-Jährige deutlich. Diese war nicht mehr einsatzfähig. Unbeweglich. „Ich konnte nichts mehr. Nicht vernünftig essen, mich nicht anziehen und auch kein Autofahren.“ Nach einer Operation traten bei Holverscheid keine ungewöhnlichen Komplikationen auf: „Mir wurden Muskeln transplantiert und meine Hand war steif und dick.“ Sechs Wochen nach der OP war sie das erste Mal bei der Krankengymnastik. Später dann zur Hand-Rehabilitation bei Gisela Neumark. „Ohne sie wäre mein Leben nicht mehr das, was es ist“, sagt Rita Holverscheid.

Dabei war die Suche nach einer Therapie keine leichte. „Von Seiten des Krankenhauses gibt es da keine Unterstützung“, winkt Holverscheid ab. Zweimal die Woche Therapie plus Training zuhause – und das über Wochen. „Das war echte Quälerei – die sich gelohnt hat.“ Mittlerweile erzielt die 62-Jährige 80 Prozent der üblichen Handleistung. „Die Feinmotorik und die Kraft fehlen.“ Eine Flasche aufzudrehen schaffe sie immer noch nicht. „Ärzte müssen sensibilisiert werden, dass sie Verordnungen ausstellen. Krankenkassen dafür, dass sie besser entlohnen“, fordert Holverscheid.

Krankenkassen als ständige Stolpersteine

Deshalb versucht Gisela Neumark auch die Bad Oeynhausener zu sensibilisieren. „Wenn Menschen einen Unfall haben, eine OP und dann gibt es keinen Therapeuten – das ist eine unvorstellbare Situation“, betont die Praxisinhaberin, die sechs Mitarbeiterinnen beschäftigt. Vor allem die einseitige Politik der Krankenkassen seien ständige Stolpersteine: „Sie halten den Daumen auf den Vergütungen und fordern von uns gleichzeitig, das wir ihre Arbeit machen.“ Zum Beispiel Zuzahlungen kassieren. „Dafür habe ich kein Verständnis mehr“, sagt Gisela Neumark ganz klar. Die Kassen suchten förmlich nach Fehlern, um Rezepte nicht abrechnen zu müssen. „Ich habe eine zusätzliche Kraft eingestellt, die sich nur um korrekte Verordnungen kümmert und somit auch das von den Kassen erstattet wird, was von meinen Mitarbeiterinnen und mir erarbeitet wurde.“

In Neumarks Augen ist auch die Politik gefordert: „Sie müssen Druck auf die gesetzlichen Krankenkassen ausüben. Denn wir alleine haben keine Lobby“, urteilt Neumark. „Das Lob von den Patienten ist natürlich Balsam auf die Therapeutenseele“, sagt Niels Backe schmunzelnd. „Aber unser Engagement für die Gesundheit wird nicht gespiegelt, von den Oberen nicht wertgeschätzt.“ Dabei treffe Krankheit jeden. Irgendwann im Leben sei jeder auf Therapie angewiesen. „Aber wenn der Beruf noch unattraktiver wird, Fachkräfte fehlen und Patienten nicht abgearbeitet werden können – dann ist eine Praxis nicht mehr tragbar“, sagt Gisela Neumark ganz klar. Und dann müssen viele ihre Türen für immer schließen.

Quelle:

http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/22147301_Therapeuten-am-Limit.html