NWZ Online Beitrag vom 06.06.2018

Wardenburg Hätte Andrea Glunde die Möglichkeit gehabt, sie wäre am Dienstag gerne mit nach Berlin gefahren. Doch auch, wenn die Physiotherapeutin arbeiten musste, so war sie dennoch irgendwie dabei, als ihr Berufskollege Heiko Schneider aus Frankfurt am Main mit dem Fahrrad vors Bundesgesundheitsministerium vorfuhr und mehr als 600 Protestbriefe aus der ganzen Bundesrepublik ablieferte. In diesem Stapel befand sich auch ein Brief von Andrea Glunde aus Wardenburg, die einem Aufruf von Heiko Schneider im Internet unter dem Slogan „Therapeuten am Limit“ gefolgt war und ihrer Wut über die unerträgliche Situation in ihrem Berufszweig Luft gemacht hatte.

„Für mich ist dieser Mann momentan ein Held, denn mit seinem Protest spricht er mir und den meisten meiner Kollegen aus der Seele“, sagt Andrea Glunde. „Die letzten Jahre wurden immer härter, die finanzielle Not immer größer und der Fachkräftemangel immer erdrückender“, beschreibt Schneider seinen Frust und führt fort: „Das Arbeitspensum, das schon immer hoch war, hatte ein unerträgliches Maß überschritten.“ Dazu kommen tägliche Konflikte aufgrund von falsch ausgestellten Rezepten, Telefonaten mit Ärzten, Sorgen und Nöten von Angestellten wegen des geringen Gehaltsniveaus und ein bürokratischer Wahnsinn, der immer weniger Zeit für die Patienten übrig lasse. Und so entschloss sich der Frankfurter Physiotherapeut, seine Praxis für zwei Wochen zu schließen und sich mit dem Fahrrad und jeder Menge Briefe von Kollegen auf den Weg in die Hauptstadt zu machen.

„Alles, was Herr Schneider beschreibt, können wir so bestätigen“, sagen Andrea Glunde und ihre Chefin Jeanette Eilers, die eine Physiotherapiepraxis am Amselweg in Wardenburg betreibt.

„Vor Jahren, bevor ich Mutter wurde, war ich auch selbstständig“, erzählt Glunde. Seitdem hätten sich viele Bedingungen zum Schlechteren verändert, konnte die Wardenburgerin beobachten. Aber auch damals schon war die Ausbildung teuer. Für das Schulgeld müsse jeder selbst aufkommen. „Bis man heute Physiotherapeut ist, bezahlt man erst mal bis zu 20 000 Euro aus eigener Tasche“, weiß Andrea Glunde. Auch Fortbildungen seien kostspielig. Da sei es kein Wunder, dass immer mehr junge Leute von diesem Beruf Abstand nähmen und die bestehenden Praxen immer mehr Patienten bewältigen müssten.

„Für mich bleibt Physiotherapeutin ein Traumberuf“, sagt Andrea Glunde. Sie ist gespannt, ob die ungewöhnliche Protestaktion von Heiko Schneider die Politik in Berlin beeindrucken kann.

  www.therapeuten-am-limit.de