RBB Beitrag vom 05.06.2018

Heiko Schneider (links) ist der Initiator des Physiotherapeutenprotests. (Quelle: rbb/Anna Corves)

Audio: Inforadio | 05.06.2018 | Anna Corves | Bild: rbb/Anna Corves

Zu niedrige VergütungssätzePhysiotherapeuten protestieren für mehr Geld

550 Kilometer ist Heiko Schneider quer durch Deutschland nach Berlin geradelt, um auf die schlechte Bezahlung für Physio- und Ergotherapeuten hinzuweisen. Hunderte Berufskollegen erwarten ihn. Doch das Gesundheitsministerium lässt sie abblitzen. Von Anna Corves

 

Als Heiko Schneider mit dem Rad das Bundesgesundheitsministerium erreicht, liegen 550 Kilometer Wegstrecke hinter ihm: Der Physiotherapeut aus Frankfurt am Main ist bis nach Berlin gestrampelt, um seinen Ärger über die Gesundheitspolitik direkt beim zuständigen Ministerium kundzutun.

Heiko Schneider ist der Initiator des Physiotherapeutenprotests. (Quelle: rbb/Anna Corves)
Initiator Heiko Schneider | Bild: rbb/Anna Corves

Der Empfang vor der Tür ist laut und herzlich: Rund 500 Berliner Berufskollegen erwarten ihn mit Trillerpfeifen und Jubelrufen: Physiotherapeuten, aber auch Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen sind gekommen, um seinen Protest zu unterstützen. Heiko Schneider klemmt sich einen Blumenstrauß unter den Arm, wischt sich Tränen der Rührung aus den Augen und greift zum Megaphon: „Wir waren viel zu lange am Limit – damit ist ab heute Schluss!“

Seine weiteren Worte gehen im Jubel der Demonstrierenden unter. Auf ihren Transparenten steht „Hilf den Helfern“ oder „Physios sind wie Dinos – Bald ausgestorben!“. Vielen geht es wie Heiko Schneider selbst, einem Physiotherapeuten aus Leidenschaft, mit eigener Praxis. Früher hatte er acht Angestellte – aber er musste ihnen kündigen, konnte sie nicht mehr bezahlen. Er hat Angst, seine Praxis bald ganz schließen zu müssen: Der finanzielle Druck ist zu hoch.

VIDEO: PHYSIOTHERAPEUTEN DEMONSTRIEREN FÜR BESSERE BEZAHLUNG

Protest der Physiotherapeuten am 05.06.2018. (Quelle: rbb/Anna Corves)

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Video: rbb aktuell / rbb|24 | 05.06.2018 | Antje Tiemeyer

Höhere Löhne sind nicht drin

2.200 Euro brutto verdient ein Physiotherapeut in Deutschland im Durchschnitt. Doch in dieser Zahl sind auch die Therapeuten einberechnet, die beispielsweise in Kliniken angestellt sind – und teils Tariflöhne erhalten. Den Berufsverbänden der Physiotherapeuten zufolge verdienen Therapeuten in ambulanten Praxen rund 40 Prozent weniger. Für Praxischefs wie Heiko Schneider, die noch die Fixkosten für Miete, Versicherungen, Löhne und Pflicht-Fortbildungen aufbringen müssen, ist der finanzielle Spielraum gering.

Physiotherapeutin (Quelle: rbb/Anna Corves)
Physiotherapeutin bei den Protesten Bild:rbb/Anna Corves

Viele Kollegen schließen sich dem Radprotest an

Die Wut über die geringen Vergütungen hat sich Heiko Schneider kürzlich in einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister und an die Krankenkassen von der Seele geschrieben [therapeuten-am-limit.de].

Zu seiner eigenen Überraschung löste das eine bundesweite Solidaritätswelle aus: Kollegen aus ganz Deutschland schilderten in Briefen ihre Lage, auf seiner Radtour nach Berlin hat er zahlreiche Praxen besucht – manche Kollegen schlossen sich ihm etappenweise an. Auch den letzten Streckenabschnitt, von Potsdam nach Berlin heute, fuhr Schneider an der Spitze eines ganzen Radler-Pulks.

Zu den Berliner Mitstreitern gehört Ines Nabiar. Sie ist seit 40 Jahren Physiotherapeutin, leitet drei Praxen in Marzahn-Hellersdorf und beschäftigt 22 Fachkräfte. Sie könne ihnen kein leistungsgerechtes Honorar zahlen, sagt sie, beim besten Willen nicht. Die Krankenkassen zahlten für eine 20-minütige Massage 13,85 Euro, das reiche absolut nicht.

Protest der Physiotherapeuten am 05.06.2018. (Quelle: rbb/Anna Corves)
Proteste in Berlin | Bild: rbb/Anna Corves

Für Patienten heißt das: eine schlechtere Versorgung

Ein weiteres Problem: Sie findet kein neues Personal. „40 Prozent der Therapeuten wandern aus dem Beruf ab“, sagt Nabiar, „und es kommt viel zu wenig Nachwuchs nach.“

Physiotherapeuten müssen für die Ausbildung Schulgeld zahlen. Die Arbeitsbedingungen, die sie erwarten, seien schlicht zu unattraktiv, sagt Nabiar.

Zwar wurde die Vergütung in den letzten Jahren leicht gesteigert – aber, so die Therapeuten, lediglich marginal. Das Schulgeld für die Ausbildung soll zwar laut Koalitionsvertrag abgeschafft werden, ist es aber noch nicht.

Unter den Folgen leiden auch die Patienten: Wer beim Arzt eine Verordnung für den Physiotherapeuten ergattert hat, muss mit längeren Wartezeiten und weiteren Wegen rechnen. Deswegen haben sich auch einige Patienten mit der Protestaktion solidarisiert und unter dem Hashtag #OhnemeinenPhysiotherapeuten kurze Video-Botschaften veröffentlicht.

Am Bundesgesundheitsministerium blitzen sie ab

Heiko Schneider, der Initiator der Protestaktion, will nun an die 1.000 Briefe und Botschaften direkt im Bundesgesundheitsministerium an der Friedrichstraße abgeben. Vor der Tür lässt sich politische Prominenz nur spärlich blicken: Die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Nicole Westig, erklärt ihre Unterstützung für das Anliegen der Physiotherapeuten, ebenso Achim Kessler von der Linkspartei, Mitglied des Gesundheitsausschusses.

So werden Physiotherapeuten seit 20 Jahren behandelt

Von den Koalitionsparteien aber lässt sich niemand blicken – und im Ministerium selbst blitzt Heiko Schneider an der Pforte ab: Die gesammelten Briefe müssen so eingereicht werden.

Dafür erntet der Bundesgesundheitsminister Buhrufe von den Demonstrierenden. Auch Heiko Schneider ist enttäuscht – wenngleich nicht verwundert: So würden Physiotherapeuten seit 20 Jahren behandelt, das sei nicht in Ordnung.

Immerhin: Einige Termine mit Politikern und Krankenkassen stehen bis morgen noch an. Er freue sich aber vor allem darüber, dass der Protest so viele Therapeuten zusammen- und auf die Straße gebracht habe. Und er hofft, dass sie sich nach diesem Ruck künftig nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lassen.

Sendung: Inforadio, 05.06.2018, 16 Uhr

Beitrag von Anna Corves

Quelle:

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/06/protest-physiotherapie-bundesgesundheitsministerium-berlin.html