Sächsische Zeitung Beitrag vom 18.06.2018

Wenn Therapeuten Hilfe brauchen

Vera Rähmer ist gern Ergotherapeutin auf dem Kollmer Moosmutzelhof. Dafür hat sie gelernt, studiert – und sich verschuldet.

Ein Beitrag von Steffen Gerhardt

Vera Rähmer ist Ergotherapeutin auf dem Moosmutzelhof in Kollm. Zu ihren Patienten gehört auch Detlef Gröscho. Einmal die Woche beschäftigt sich der Nieskyer in seiner Therapie mit den Pferden.
Vera Rähmer ist Ergotherapeutin auf dem Moosmutzelhof in Kollm. Zu ihren Patienten gehört auch Detlef Gröscho. Einmal die Woche beschäftigt sich der Nieskyer in seiner Therapie mit den Pferden.

© André Schulze

Kollm. Das ist ihr Wunsch: mit Tieren Menschen zu therapieren. Deshalb hat sich Vera Rähmer auf die ausgeschriebene Stelle als Ergotherapeutin im Moosmutzelhof Kollm beworben. Seit Oktober vergangenen Jahres ist sie dort beschäftigt. „Die Arbeit macht mir echt Spaß. Sie ist abwechslungsreich und ich bin dabei an der frischen Luft“, sagt die 28-Jährige. Für Hofinhaberin Eva Hoffmann ist Vera ein Glücksgriff. „Sie hat hier ihre Aufgabe gefunden und macht ihre Arbeit wunderbar“, sagt die Chefin, die selbst als Ergotherapeutin auf dem Moosmutzelhof tätig ist.

Daher kennt sie selbst die Sorgen und Nöte, die auch ihre neue Mitarbeiterin umtreiben. „Wir haben immer noch das Image der ,Basteltanten‘, obwohl unsere Arbeit viel mehr umfasst, als Leuten eine Bastelanleitung zu geben“, sagt Vera Rähmer. Auf dem Moosmutzelhof ist sie für die tiergestützte Therapie zuständig. Sie betreut vom Kleinkind bis zum betagten Senior Menschen jedes Alter. Nicht nur in Kollm, sondern auch in umliegenden Alten- und Pflegeheimen. Dafür hat sie sich gründlich ausbilden lassen. In Dresden absolvierte sie ihre Berufsausbildung über drei Jahre. „Das reichte mir an Wissen noch nicht, also entschloss ich mich, ein Studium dranzuhängen.“

An der Hochschule für Gesundheit in Gera absolvierte sie erfolgreich den Bachelorstudiengang Ergotherapie. Damit sie ihr Studium finanzieren konnte, musste Vera Rähmer einen Kredit aufnehmen. „Studiengebühren und die Unterkunft in Gera haben mich monatlich rund 500 Euro gekostet.“ Mit der Tilgung des Kredites ist sie heute noch beschäftigt. Denn viel beiseite zu legen ist kaum möglich in diesem Beruf. Eine Erfahrung, die die junge Frau bereits in einer Praxis in Dresden gemacht hat.

Eva Hoffmann betont, dass zum einen Mangel an Therapeuten besteht, andererseits nur geringes Interesse vorhanden ist, diesen Beruf auszuüben. „Jeder vierte ausgelernte Therapeut in Deutschland wechselt den Beruf und zwei Drittel der studierten Ergotherapeuten fangen als solche gar nicht erst an“, nennt Eva Hoffmann Zahlen aus einer offiziellen Statistik. Deshalb unterstützen beide Frauen die Kampagne „Therapeuten am Limit“. Ins Leben gerufen hat sie der Frankfurter Physiotherapeut Heiko Schneider mit einem Brandbrief an das Gesundheitsministerium in Berlin. Nach Aussage des 42-Jährigen hat dieser Brief eine Welle der Empörung und Solidarität in Deutschland ausgelöst.

„Auch wir zählen uns zu den Betroffenen, die inzwischen unter dem Limit ihre Arbeit machen.“ Das sagt Eva Hoffmann und fügt ein Beispiel hinzu: Therapeuten dürfen 19,58 Euro für 20 Minuten Krankengymnastik abrechnen. Die damit verbundene Diagnostik, Dokumentation und die Zeit für das Aus- und Anziehen des Patienten werden aber nicht vergütet.

Deshalb beteiligten sich die beiden Kollmer Frauen an der Demonstration der Therapeuten in Berlin für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Sie fand am 5. Juni vor dem Gesundheitsministerium statt. Dabei geht es nicht nur um den Lohn. Eine kostenlose Ausbildung wird ebenso gefordert wie eine angemessene Bezahlung der Angestellten, wie Vera Rähmer eine ist.

Sie wohnt mit ihrem Mann in Freiberg und arbeitet vier Tage die Woche in Kollm, wo sie ein Zimmer bezogen hat. Würde ihr Mann als Doktorand für Gießereitechnik nicht so gut verdienen, könnte sie allein von ihrem Gehalt nicht leben, geschweige eine Familie gründen. „Deshalb ist der Beruf Ergotherapeut für mich eine Berufung. Man muss es von sich aus machen wollen, denn die Bedingungen für diesen Beruf sind eher abschreckend als lukrativ“, gibt Vera Rähmer ihre Erfahrungen aus den ersten Berufsjahren wider. Ein weiteres Handycap sind die Budgets der Ärzte. Sind diese aufgebraucht, werden keine Therapien mehr verschrieben. Und ohne Rezept dürfen auch Ergotherapeuten keinen Patienten behandeln. Der Leidtragende ist der Kranke, der sich weiter mit seinen Schmerzen herumplagen muss.

Quelle:

https://m.sz-online.de/nachrichten/wenn-therapeuten-hilfe-brauchen-3958934.html