Statement einer Berufsaussteigerin

Am Dienstag ist Heiko etwas völlig Ungeplantes passiert – wie es derzeit eher die Regel, als die Ausnahme ist:

Heiko wurde spontan von der ehemaligen Physio-Kollegin Elisabeth Przybilla mit dem Rad auf der Tour begleitet. Elisabeth war es ein tiefes Bedürfnis ihren Brief persönlich zu übergeben. Uns hat das besonders interessiert, da Elisabeth bereits aus dem Beruf als Physiotherapeutin ausgestiegen ist und sich nun in einem Studium „medizinisches Management“ befindet.

Wir haben genauer nachgefragt nach dem „WARUM?“und konnten nachfolgendes Statement aus Elisabeth rauskitzeln:

“Für mich ist Therapeuten-am-Limit nach Langem mal wieder eine wirkungsvolle Aktion, um meinem Unmut über die Situation für uns Therapeuten Luft zu machen. Ich finde es wunderbar motivierend, dass es so vielen anderen Therapeuten genauso geht wie mir und sie ebenso dankbar sind wie ich, dass Heiko für uns den Beruf kurzzeitig zum ehrenamtlichen Boten gewechselt hat (und hoffentlich am Dienstag in Berlin ganz viele gemeinsam mit ihm).

So wie für Heiko vor ein paar Monaten, war es für mich vor ca. eineinhalb Jahren Zeit mich und mein Berufsumfeld zu verändern. Die andauernde, negative Perspektive wollte ich nicht mehr ertragen und meine Neugierde nach Weiterentwicklung zog mich zum Studium des medizinischen Managements.

Ich habe im Physiodasein keine Möglichkeiten mehr gesehen, mich adäquat weiterzuentwickeln. Mehr Einkommen bekomme ich nur über die Selbständigkeit und muss das Risiko eingehen Verluste zu erwirtschaften, falls ich die schwere körperliche Arbeit nicht mehr leisten kann. Die zum Großteil selbst finanzierten Fortbildungen bringen mir marginal mehr Gehalt. Und zu guter Letzt fehlt mir die Anerkennung im Beruf:

Wofür soll ich meinen Körper in alle anderen Menschen investieren und später selbst nicht genug finanzielle Mittel haben, um meine Gesundheit zu finanzieren?

In unserem System wird in E-Health und hochtechnisierte OP-Verfahren investiert und Kapital fließt in Medizinprodukte und die Pharmaindustrie. Wir Therapeuten zeigen den Menschen auf, wie sie sich selbst um ihren Körper kümmern können, ihn wahrnehmen lernen und werden von uns unterstützt, ihren Körper nach Unfällen und Eingriffen wieder fit für den Alltag zu machen oder trotz chronischer Leiden Lebensqualität zu erhalten. Das ist ein enormer Faktor für die Senkung von Gesundheitsausgaben, der meiner Ansicht nach offiziell nicht wertgeschätzt wird. Meine Arbeit fühlte sich zeitweise wertlos an, obwohl mir bewusst ist, was für einen Beitrag gute Physiotherapie leistet.

Meine Hoffnungen durch ein fachfremdes Studium:

Es gibt mir die Möglichkeit, Perspektiven zu wechseln, mein Wissen über Gesundheitssysteme in Deutschland und anderen Ländern zu steigern, rechtliche Grundlagen zu sehen und betriebswirtschaftliche Denkweisen zu erhalten. Es lässt mir Raum über meine berufliche Situation nachzudenken und mir neue Wege zu überlegen.

Ich wünsche mir für die Zukunft der Therapeuten, dass wir eine gemeinsame Strategie entwickeln, um mit Krankenkassen organisiert und professionell verhandeln zu können. Unsere Arbeit ist sehr wertvoll und das können die Krankenkassen meiner Meinung nach wertschätzen. Von Ärzten wünsche ich mir mehr Kooperation. Sie sollten nicht befürchten, dass die Medizin schlechter wird und der Konkurrenzdruck höher, wenn gute Physiotherapeuten Vorarbeit bzw. Zuarbeit für sie leisten (ich beziehe mich dabei auf den Direktzugang und Osteopathie). Physios, die ihre Patienten „nur“ unter die Heißluft legen und massieren, sollten anders bezahlt werden, als Physios, die modern und evidenzbasiert komplexe Krankheitsbilder mit den Patienten zusammen therapieren.

Von der Politik verlange ich, dass sie der schlechten Eigenverwaltung von Physiotherapeuten/Heilmittelerbringern (zu viele Vereine, Verbände, usw.) unter die Arme greift und die Strukturen von grundlegend reformiert werden, damit sich Therapieberufe modern entwickeln können. In Anlehnung an positive Beispiele in anderen EU-Staaten (z.B. Niederlande und Skandinavien) wünsche ich mir, dass sich die Physiotherapie von einem Heilhilfsberuf hin zu einer eigenständigen und anerkannten Profession entwickelt.”

Wir sagen: Danke Betty für deine klaren Worte!

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