ZEIT CAMPUS Beitrag vom 27.06.2018

Physiotherapeutin: „Viele sehen mich als Masseurin“

DAS ANONYME GEHALTSPROTOKOLL

Die Ausbildung zur Physiotherapeutin hat drei Jahre gedauert. Als Fitnesstrainerin verdient sie nach einem Wochenendkurs das Dreifache – und wird auch noch wertgeschätzt.

Name: anonym
Branche: Körpertherapie und Fitness
Berufsbezeichnung: Physiotherapeutin und Fitnesstrainerin
Monatliches Gehalt: rund 1.150 Euro als Physiotherapeutin in Teilzeit, knapp 400 Euro als Fitnesstrainerin mit 10 Stunden pro Monat

Ich arbeite in einer kleinen Praxis als Physiotherapeutin mit einem tollen Team und mit einer super Chefin – ohne sie wüsste ich nicht, wie ich diesen Job aushalten würde. Denn die Arbeitsbedingungen sind schlecht: Ich renne von Kabine zu Kabine, in denen ich meine Patienten behandele. Oft habe ich nur 20 Minuten Zeit pro Patient. Und nach der Behandlung bleibt mir kaum ein Moment, um kurz mal durchzuatmen und sich auf den nächsten Patienten einzustellen. Das fühlt sich an wie Arbeit am Fließband. Wie soll ich da jedem einzelnen Patienten gerecht werden?

Als Patientin beim Arzt kennt man dieses Problem ja auch. Bei manchen Ärztinnen und Ärzten wird man schnell abgefertigt, wenn das ganze Wartezimmer voll ist und alle noch drankommen sollen. Aber im Vergleich zu Ärzten ist unser Ansehen deutlich schlechter. Viele Patienten sehen mich als Masseurin, die Fachbegriffe wie Fußreflexzonenmassage benutzt. Oft wollen sie einfach nur massiert werden und keine Ratschläge hören oder die Übungen machen, die wir ihnen zur Heilung ihrer Beschwerden vorgeben – bei einer Behandlung sagte ein Patient zu mir: „Nö, die Übungen mache ich nicht. Massagen helfen mir am besten.“ Dabei kann ich das natürlich besser beurteilen als er. Genau wie Medizinstudentinnen habe ich die komplette menschliche Anatomie gelernt und nicht bloß einen Massagekurs belegt. Vermutlich liegt es daran, dass eine Ausbildung in Deutschland oft als weniger anspruchsvoll betrachtet wird als ein Studium.

Die geringe Wertschätzung meiner Arbeit spiegelt sich im Gehalt wieder: Ich verdiene als ausgebildete Physiotherapeutin mit acht Jahren Berufserfahrung 14,50 Euro brutto pro Stunde – das steht in keinem Verhältnis zu meiner Arbeitsbelastung. Ein Problem ist: Ich muss ständig Therapieberichte für die Ärzte schreiben, die ihre Patienten an uns überwiesen haben. Das gehört dazu und wäre auch in Ordnung. Für meine Chefin bedeutet das aber, dass ich in diesen 20 Minuten keine Behandlung leisten kann. Und sie bekommt pro Bericht bloß fünf bis sechs Euro. Wenn sie pro Bericht zu wenig Geld bekommt, wie soll sie uns dann mehr bezahlen?

So hatte ich mir mein Berufsleben nicht vorgestellt, als ich mit 17 beschloss, die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin zu machen. Ich fing direkt nach der Schule an, einen Teil der Ausbildung musste ich selbst bezahlen – 300 Euro kostete das, pro Monat. Die letzten zwei Jahre hat mein Vater mich finanziell unterstützt. Als ich mit 20 Jahren frisch als Physiotherapeutin angefangen habe, war der Stundenlohn von 13 Euro für mich in Ordnung – ich habe schließlich zum ersten Mal richtig gearbeitet, da erschien mir das viel. Mittlerweile, mit acht Jahren Berufserfahrung, frage mich aber, was mir das gebracht hat. Im Lohn schlägt sich meine Berufserfahrung überhaupt nicht nieder.

Deshalb habe ich mich schon vor einiger Zeit nach beruflichen Alternativen umgeschaut. Neben der Schule hatte ich im Fitnessstudio an der Rezeption gearbeitet. Als ich mich dort nach Jobs umsah und Zumba kennenlernte, dachte ich: Warum nicht Zumba-Kurse im Fitnessstudio geben? Ich war immer sportlich, habe als Kind Leichtathletik gemacht und war mal Junior-Rettungsschwimmerin. Besonders fürs Tanzen hatte ich eine große Leidenschaft. Mir gefiel an Zumba, dass Aerobic-Elemente mit Elementen aus lateinamerikanischen Tänzen wie Salsa, Merengue oder auch Hip-Hop kombiniert werden

ES ÄRGERT MICH, DASS ICH EINE DREIJÄHRIGE HARTE AUSBILDUNG ABSOLVIERT HABE UND NUN IN EINEM JOB DAS DREIFACHE VERDIENE, FÜR DEN ICH BLOSS EINEN WOCHENENDKURS BELEGEN MUSSTE

Wenn man Kurse im Fitnessstudio geben will, muss man zuerst eine Lizenz dafür bekommen. Das ist ein Zertifikat, das belegt, dass ich das nötige Handwerkszeug habe, um den Kurs zu geben. Das Ganze hat ein Wochenende gedauert, an dem ich die Grundlagen, die Schritte und Bewegungsabläufe für Zumba gelernt habe und hat zirka 300 Euro gekostet. Etwas später habe ich eine zweite Lizenz gemacht für Piloxing-Kurse, eine Mischung aus Boxen und Pilates. Danach konnte ich dann auch beispielsweise Bauch-Beine-Po-Kurse geben. Ein Kurs dauert meist 50 Minuten. Dafür kriege ich 37,50 Euro – fast den dreifachen Stundenlohn im Vergleich zu meinem Lohn in der Praxis. Und nicht nur finanziell ist das eine deutlich bessere Wertschätzung meiner Arbeit. Wenn ich montagmorgens um zehn Uhr meinen ersten Bauch-Beine-Po-Kurs im Fitnessstudio gegeben habe, strahlen mich die Teilnehmer danach an und bedanken sich bei mir für das Workout.

Als Kurstrainerin im Fitnessstudio zu arbeiten, ist aber ziemlich beliebt – wenn man feste Kurse im Studio bekommen will, konkurriert man mit all den anderen Trainern und Trainerinnen. Es kommt sehr darauf an, wie man sich selbst verkauft. Social Media ist da sehr wichtig geworden, vor allem Instagram. Wenn du gute Bilder und Videos hast und natürlich auch viele Follower, kommen die Leute auch mehr in deine Kurse und Studios stellen dich eher ein. Das Aussehen ist da natürlich wichtig. Im Studio ist man Vorbild. Wenn man als Trainer nicht gut in Form ist, wird einem auch nicht abgekauft, dass man andere Leute in Form bringen kann.

Meine feste Stelle im Studio habe ich dann aber nicht über Social Media bekommen, sondern über eine Freundin. Sie hat mir die Nummer der Kurskoordinatorin des Studios gegeben, die mich dann direkt genommen hat. Momentan gebe ich damit fest drei Kurse pro Woche im Fitnessstudio und mache daneben noch Vertretungen. Ich habe auch öfter mit dem Gedanken gespielt, ganz als Physiotherapeutin aufzuhören, aber ich kann nicht 40 Stunden pro Woche Fitnesskurse geben. Das wäre körperlich zu anstrengend. Deshalb arbeite ich weiter als Physiotherapeutin in der Praxis, allerdings nur 25 Stunden pro Woche. Ich würde aber gerne mehr Stunden im Fitnessstudio geben und weniger in der Praxis, denn finanziell lohnt sich das deutlich mehr.

Und es ärgert es mich natürlich trotzdem, dass ich eine dreijährige harte Ausbildung absolviert habe und nun in einem Job das Dreifache verdiene, für den ich bloß einen Wochenendkurs belegen musste. Aber bisher hat sich an der Situation der Physiotherapeuten in Deutschland wenig geändert. Derzeit belege ich einen zusätzlichen Weiterbildungskurs für die manuelle Therapie. Da lerne ich Detailwissen über den menschlichen Körper und investiere Zeit und Geld. Dafür, dass ich danach höchstens einen Euro pro Stunde mehr verdiene als Physiotherapeutin.

Vor ein paar Wochen haben wir Briefe gesammelt, in denen Physiotherapeuten und auch Logopäden und Ergotherapeuten über ihre Arbeitssituation sprechen und beschreiben, wie es ihnen geht – unter dem Motto „Therapeuten am Limit“. Die gesammelten Berichte wurden Abgeordneten des Bundestags und Leuten aus dem Gesundheitsministerium vorgelegt. Geändert hat sich bisher nichts. Bei der Übergabe wollten Krankenkassenvertreter ebenfalls dazukommen, sind sie dann aber nicht. Das unterstreicht nochmal den Eindruck, den viele in dieser Branche sowieso schon haben: Wir sind nicht wichtig genug.

Quelle:

https://www.zeit.de/campus/2018-06/physiotherapeutin-fitnesstrainerin-gehalt-arbeitsalltag-behandlung-protokoll