Barmer Heilmittelreport Faktencheck

Manipulation der zugrunde gelegten Daten des Barmer Heilmittelreports 2021

Zunächst fällt beim obligatorischen Vergleich der barmer-eigenen Reporte auf, dass in den Berichten von 2019 und 2021 für das Jahr 2018 völlig unterschiedliche Daten veröffentlicht wurden: Die Rechenkünstler der Barmer haben also bei ihrer Reise hinter den Regenbogen eine Stadt mit 463.133 Einwohnern entdeckt, die allesamt zufällig 2018 bei der Barmer versichert waren. 168.644 davon haben sogar eine Heilmittelleistung erhalten.

Angaben zum Jahr 2018Angaben für das Jahr 2018 im Barmer Report 2019Angaben für das Jahr 2018 im Barmer Report 2021
Anzahl Versicherte8.796.6799.259.812
Versicherte mit Heilmittelleistungen1.872.2582.040.902
Ausgaben in Euro975.990.7271.107.708.212
Barmer Heilmittelreport 2019 und 2021

Diese erhebliche Aufbesserung der Zahlen hilft der Barmer ganz konkret bei der Argumentation, die Heilmittelerbringer:innen hätten für die gleiche Leistung deutlich mehr Geld bekommen. Diese Manipulation wurde notwendig, weil der Barmer-Report üblicherweise die beiden Vorjahre betrachtet.

Tabelle 1 auf Seite 3 des Reports reicht folglich auch nur bis zum Jahr 2018 zurück.

Mit den ursprünglichen Daten aus dem Report 2019 wäre die Argumentation, die Therapeut:innen hätten für eine annähernd gleiche Leistung deutlich mehr Geld bekommen, nicht haltbar gewesen.

Zu beachten ist, dass sämtliche Tabellen des aktuellen Reports der Systematik des zweijährigen Vergleichszeitraums folgen, mit Ausnahme der Tabellen zur Preisentwicklung. Diese stellen zusätzlich auf das Jahr 2017 ab.

Behauptung der Barmer: „Nicht einmal die Hälfte der Umsatzsteigerungen der Heilmittel-Praxen wurde als Gehaltssteigerung an die angestellten Therapeuten weitergegeben“.

Wäre die Barmer ihrer ursprünglichen Methodik gefolgt und hätte die Umsätze aus 2018 mit 2020 verglichen, dann wäre das Umsatzplus mit 10,13 % weniger spektakulär gewesen. Daraufhin wurde der Betrachtungszeitraum auf 2017 ausgeweitet. Dabei weist der Bericht völlig richtig auf Seite 13 darauf hin, dass 2019 durch die Einführung der bundeseinheitlichen Preise der eigentliche umsatzrelevante Faktor zum Tragen kam. Folglich gab es den tatsächlichen Spielraum für Vergütungserhöhungen erst ab 01.07.2019. Doch bei einer Betrachtung hätte dann im Vergleich 2019 zu 2020 das Umsatzplus nur 1,54 % betragen.

Verlängerungen der Betrachtungszeiträume – erst recht unter Zuhilfenahme von „Korrekturen“ bereits veröffentlichter Daten in erheblichem Umfang – sind nichts weiter als Taschenspielertricks.

Insbesondere ist zu beachten, dass die Vorgaben zur Transparenzregelung, die die Barmer hier so tölpelhaft anstrebt, in § 125 Abs. 2 Nr. 9 gesetzlich genau geregelt sind.

„zum Nachweis der tatsächlich gezahlten Arbeitsentgelte hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen auf dessen Anforderung eine Statistik über die im Rahmen von § 165 des Siebten Buches erfolgten Meldungen zu übersenden, die insbesondere die Anzahl der Arbeitnehmer, deren geleistete Arbeitsstunden sowie die geleisteten Entgelte enthalten soll“

Besonders die Forderung des Gesetzgebers, explizit die Anzahl der Arbeitnehmer und die geleisteten Arbeitsstunden zu beachten, missachten die Barmer-Rechenkünstler.

Ein Vergleich der gesetzlich geforderten Vergütungssteigerung zeigt eindeutig, dass die Praxisinhaber:innen in der Physiotherapie im Bundesdurchschnitt deutlicher mehr als das Umsatzwachstum an die Mitarbeiter:innen weitergegeben haben.

Bundesland20192020ÄnderungUmsatz
Bund15,9316,45+ 3,3 %+ 1,54 %
Sachsen14,8315,29+ 3,1 % 
Sachsen-Anhalt14,5715,31+ 5,08 % 
Mecklenburg-Vorpommern14,3115,00+ 4,82 % 
Brandenburg14,8215,63+ 5,47 % 
Umlagezahlen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege (BGW) für den Bereich der Physiotherapie, durchschnittlicher Stundenlohn, eigene Berechnungen

Die Barmer hätte bei einem seriösen Vorgehen einfach ins Gesetz schauen müssen – ok, das ist zumindest im Heilmittelbereich mittlerweile ein „Running Gag“ – macht aber stattdessen den Kunstgriff über die Auswertung der Sozialdaten der bei ihnen versicherten Physiotherapeut:innen. Natürlich ohne deren Zustimmung und vermutlich wieder am Rande des Erlaubten. Dieser Frage gehen wir gesondert nach.

Die Barmer kolportiert in ihrem Bericht:

Behauptung der Barmer: „Die Praxisinhaber erzielten 2020 für die nahezu gleiche Behandlungsmenge Mehrumsätze von 43 Prozent (circa drei Milliarden Euro) im Vergleich zu 2017.“

Selbst wenn man sich auf das Zahlenspiel der Barmer einlässt und den Betrachtungszeitraum auf das Jahr 2017 ausdehnt und die (hoffentlich richtigen und auch später noch gültigen) endgültigen Rechnungsergebnisse der KJ1-Statistik zur Hilfe nimmt, so stellt man fest, dass die von der Barmer berechneten 43 Prozent Umsatzsteigerung „nicht ganz“ zutreffend sind.

Position KJ120172020Änderung
04500 Leistungen
von Masseuren und medizinischen Badebetrieben
4.558.893.5546.015.073.694+ 32%
04503 Physikalische Therapie –
nur vertragszahnärztliche
Versorgung –
149.804.444133.777.845– 11%
04540 Ergo-,
Beschäftigungs- und
Arbeitstherapeuten
1.009.949.9711.379.119.001+ 37%
04550 Logopäden/
Sprachtherapeuten-
ohne vertragsärztliche
Versorgung –
741.783.793949.652.900+ 28 %
04553 Logopädische/
sprachtherapeutische
Leistungen –
nur vertragszahnärztliche
Versorgung–
46.581.47759.465.481+ 28 %
04580 Podologische Leistungen191.663.859264.992.288+ 38 %
Amtliche Statistik KJ1 des Bundesministeriums für Gesundheit

Da die Barmer später in der Hauptsache auf die Physiotherapie abstellt, bleiben wir mal bei dieser Aussage und korrigieren auf 32 %. Gab es wirklich keine anderen Leistungsbereiche mit ähnlicher Steigerungsrate wie in der Physiotherapie (die ja immerhin gesetzlich erzwungen werden musste)?

Position KJ120172020Änderung
04036 Ärztliche Behandlung in Hochschulambulanzen nach § 117 SGB V731.766.748992.751.616+ 35,7%
04700 Krankengeld (ohne 471 bis 474, 476 und 477)  9.852.887.20512.902.673.876+ 31%
05280 Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin nach Art. 8 GKV-SolG- ambulanter Bereich111.338.580184.525.799+ 65,7%
07004 Verwaltungskosten für Mitgliederwerbung von privaten Dienstleistern – vdek8.225.59313.167.291+ 60 %
07111 Mieten, Pachten und Nebenkosten für Grundstücke, Gebäude und technische Anlagen – vdek121.993.142191.378.189+ 56,9 %
07330 Prüfungs- und Beratungskosten – vdek46.053.01672.340.300+ 57 %
Amtliche Statistik KJ1 des Bundesministerium für Gesundheit

Natürlich gab es Leistungsbereiche mit ähnlichen Steigerungsraten. Denn klar ist, dass allein durch die Demografie der Bedarf an Gesundheitsleistungen jährlich steigt. Den Fakt, dass durch die vorenthaltenen Vergütungssteigerungen der letzten 20 Jahre die Lücke zu anderen Leistungsbereichen immer größer geworden ist, verschweigt die Barmer ebenfalls gezielt. Und speziell bei Teilen der Verwaltungskosten im Bereich des vdek-Verbundes, dem die Barmer ja angehört, hatte man keine Mühe, die Steigerungsraten deutlich zu übertreffen. Interessant ist, dass allein von 2019 auf 2020 die Grundvergütung des Barmer Vorstands von 306.438 Euro auf 354.040 Euro anstiegt. Eine Steigerung von knapp 16 %. Wir erinnern uns: im gleichen Zeitraum stieg der Umsatz der Therapeut:innen um 1,54 %.

Fazit

Der Barmer Heilmittelreport bleibt der Linie früherer Veröffentlichungen treu und versucht ein zuvor gefasstes Statement mit Zahlen zu untermauern. Dabei sind die Manipulationen leicht zu erkennen. Man schreckt nicht vor „Korrekturen“ eigener Zahlen zurück, verlängert Betrachtungszeiträume willkürlich, vergisst wichtige Details und übersieht gesetzliche Vorgaben.

Doch mit dieser aktuellen Veröffentlichung wird eine Linie überschritten. Der Report versucht die Leistungserbringer untereinander zu spalten, Arbeitgeber:innen und Mitarbeiter:innen gegeneinander auszuspielen und damit eine politische Botschaft zu übermitteln. Man schreckt nicht einmal davor zurück, zu diesem Zweck die Sozialdaten der eigenen Versicherten, ohne deren Genehmigung zu nutzen.

Zusätzlich werden staatliche Maßnahmen zur Sicherung der Versorgungsstrukturen als Mehreinnahmen gedeutet und die erschwerten Bedingungen, die seit Beginn der Pandemie herrschen, negiert, während Kassenmitarbeiter einen Coronabonus erhalten sollen. Und in dieser besonderen Pandemie-Situation, in der die Heilmittelerbringer:innen gerade zu Beginn unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit die Versorgung  auch der Barmer-Versicherten aufrechterhalten haben, versucht die Barmer gezielt eine Spaltung der Berufe herbeizuführen.

Man kann dieses Verhalten nur als in höchstem Maße perfide Geringschätzung und gezielte Verbreitung von Fake News werten. Ebenso unglaublich ist es, dass Leitmedien diese Meldungen der Barmer Propagandaabteilung ungeprüft verbreiten.

Um es klar zu sagen: Therapeutinnen und Therapeuten, die bei der Barmer versichert sind, unterstützten finanziell die Agitation gegen den eigenen Berufsstand.

Zusammenfassung

  • Die Barmer hat ihre eigenen Daten gezielt manipuliert, um eine höhere Leistungsmenge zu verschleiern.
  • Der Betrachtungszeitraum wurde gezielt ausgeweitet, um das Schreckensbild der aus der Sicht der Barmer raffgierigen Inhaber:innen vermitteln zu können.
  • Die behaupteten Umsatzsteigerungen von 43 % halten einer Überprüfung mithilfe der amtlichen Statistiken nicht stand.
  • Die Barmer verschweigt zudem bewusst die Tatsache, dass die Daten von 2020 Kurzarbeit in unbekanntem Umfang enthalten.
  • Trotz klarer gesetzlicher Regelung greift die Barmer bewusst nicht auf die Zahlen der BGW zurück.
  • Die Barmer nutzt Sozialdaten ihrer Versicherten zur politischen Argumentation (und das ist sehr freundlich formuliert).
  • Die Anzahl von Verordnungen ist kein geeigneter Indikator von Behandlungsmengen. Speziell durch die besondere Situation in der Pandemie durch Teilabrechnungen zur Liquiditätssicherung und Behandlungsabbrüchen aufgrund von Infektionsgefahr kann kein Vergleich von Verordnungszahlen mit Vorjahren gezogen werden. Die Zahl der tatsächlichen Behandlungseinheiten liegt der Barmer vor, wurde aber bewusst nicht verwendet.
  • Folgt man den gesetzlichen Vorgaben zur Transparenzregelung, so ist klar, dass anteilig die  Vergütungssteigerung der Mitarbeiter:innen höher war, als die Umsatzsteigerung.
  • Das GKV-HIS ist höchstens eine Trendinformation auf Grundlage ungeprüfter Daten.
  • Trotzdem wurde anhand dieser Daten das Volumen des Rettungsschirms festgelegt.
  • Das eigentliche Volumen hätte 918 Millionen Euro betragen. Abgerufen wurden 810 Millionen Euro. 108 Millionen Euro haben die ach so geldgierigen Therapeut:innen also einfach liegen gelassen.
  • Der Rettungsschirm war eine Liquiditätshilfe zur Sicherung der Versorgungsstrukturen, dass weiß die Barmer sehr genau.
  • Die Vergütung der Hygienepauschale ist nicht ansatzweise kostendeckend.
  • Die Pandemie ist immer noch nicht vorbei.

Erneut müssen wir als privates Aktionsbündnis speziell den Physiotherapeut:innen zur Seite stehen und laut widersprechen. Wir werden über die weiteren Schritte berichten.

Euer Therapeuten am Limit Team

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