LOKAL PLUS Beitrag vom 20.06.2018

Lennestädter Physiotherapeut Jens Latsch im Interview

„Der Patient muss wieder im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen“

Dokumentation, geringer Lohn und viele Kosten: Physiotherapeut Jens Latsch gewährt einen Einblick in seinen Beruf.
Von Barbara Sander-Graetz (Redaktion)
Jens Latsch ist Physiotherapeut in der Praxis von Margit Schulte-Voss in Altenhundem. Seit 19 Jahren steht er nun im Arbeitsleben, doch sein Traumjob entwickelt sich immer mehr zum Albtraum. Hohe Ausbildungs- und Fortbildungskosten – finanziert aus seiner eigenen Tasche, streng getaktete Behandlungseinheiten und das bei einer geringer Entlohnung mit vorprogrammierter Altersarmut lassen ihn besorgt in die Zukunft blicken. Jens Latsch und seine Kollegen gehen nun an die Öffentlichkeit. Unter #ohnemeinenphysiotherapeuten machen sie auf ihre Misere aufmerksam.
Physiotherapeuten beklagen sich über schlechte Arbeitsbedingungen und eine miserable Bezahlung.
Wie sieht das im einzelnen aus?
Als Physiotherapeut verdient man rund 2300 Euro brutto im Monat. In der Ausbildung muss man Schulgeld bezahlen. Das sind rund 18.000 Euro in den drei Jahren Ausbildung. Fortbildungen muss man ebenfalls aus eigener Tasche bezahlen und diese Kosten bekommt man nicht wieder rein.
Warum ist der Lohn so gering?

Das eigentliche Problem liegt dort, wo es auch in der Pflege liegt: bei der schlechten Bezahlung durch die Krankenkassen. Sie verhandeln mit den Verbänden der Physiotherapeuten eine einheitliche Vergütung für Leistungen, die wir erbringen. Die Preisverhandlungen waren bis vor kurzem gesetzlich gedeckelt und an die Grundlohnsumme gebunden, so dass es gar nicht möglich war, Steigerungen zu erzielen.

Die Politik hat diese Bindung an die Grundlohnsumme vorübergehend ausgesetzt. Nun gab es über drei Jahre eine Lohnsteigerung um 30 Prozent. Das hört sich auf den ersten Blick sensationell an, aber es gab Jahrzehnte keine Anpassung, so dass diese Anpassung eigentlich zu spät kommt. Das deutsche Vergütungssystem hinkt der täglichen Praxis meilenweit hinterher.

Was heißt das in der Praxis?
Ein Beispiel: Die AOK vergütet 15 bis 25 Minuten Krankengymnastik mit 17,28 Euro. Für eine Massage in dem Zeitraum bekommen wir 11,80 Euro.
Was heißt 15 bis 25 Minuten?

Eine Therapieeinheit kann 15 bis 25 Minuten umfassen. In dieser Einheit ist aber nicht nur die eigentliche Behandlung integriert, sondern auch die Dokumentation, das Abrechnen der gesetzlichen Zuzahlung, das Patientengespräch, die Terminvereinbarung und die Vorbereitung des Patienten. Wenn ich die Therapieeinheit mit 15 Minuten takte, kann ich vier Patienten in einer Stunde schaffen und verdiene so knapp 70 Euro brutto in der Stunde. Verzögert sich aber irgendwo in dem zeitlichen Ablauf etwas und ich benötige 25 Minuten, schaffe ich nur 2,4 Patienten in der Stunde und verdiene gerade mal 41 Euro.

Dafür kommt heute kein Handwerker mehr zu ihnen nach Hause. Nur kurze Behandlungszeiten zu Lasten der Patienten können den Umsatz steigern, was aber mit dem therapeutischen Anspruch einfach nicht zu vereinbaren ist. Von diesen Einnahmen muss aber nicht nur das Gehalt, sondern auch Kosten für Verwaltung, Miete, Heizung, Reinigung etc. bezahlt werden. Mache ich Hausbesuche, kommt eine Pauschale von 12,30 Euro hinzu.

Wohnt der Patient aber in Brachthausen oder Halberbracht, geht wertvolle Fahrzeit verloren, die ich nicht bezahlt bekomme. Sollte dann noch die Heilmittelverordnung des Hausarztes nicht korrekt ausgefüllt sein und wir bemerken dieses nicht, dann kann sich die Krankenkasse auch weigern, die Behandlung zu vergüten. Also müssen wir auch noch die Heilmittelverordnung durch den Arzt genau prüfen, ansonsten arbeiten wir ehrenamtlich.

Sind Fortbildungen die Lösung um das Spektrum zu erweitern und mehr zu verdienen?
Im Gegenteil. Die Fortbildungen müssen wir natürlich aus eigener Tasche bezahlen und vieles, was wir hier anschließend ausüben dürfen, haben wir eigentlich schon in der Ausbildung gelernt, dürfen es aber ohne das zusätzlich erworbenen Zertifikat nicht anwenden. Die anschließende Vergütung durch die Kassen deckt die so entstandenen Kosten bei weitem nicht.
Wie sieht die Zukunft für Ihren Berufsstand aus?
Ich schaue mit tiefer Sorge in die Zukunft. Schon jetzt fehlt uns der qualifizierte Nachwuchs in diesem Bereich, was bei den Arbeitsbedingungen und der Entlohnung nicht verwundert. Der Lohn muss steigen und wir brauchen in der Ausbildung ein Gehalt. Es kann nicht sein, dass ein Physiotherapeut nicht mehr von seiner Arbeit leben kann. Unser Beruf muss attraktiver werden. Der Patient muss wieder im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen.
Was wünschen Sie sich?
Die Politik und muss schnell handeln. Damit das geschieht, müssen wir mit unseren Patienten klar kommunizieren, wie unsere Lage ist. Die Patienten wiederum müssen auch Druck bei ihren Krankenkassen ausüben. Hier ist jeder aufgerufen, mitzumachen und die Probleme anzusprechen. Wir haben Kompetenz und fordern die entsprechende Entlohnung. Es ist an der Zeit, die verknöcherten Strukturen aufzubrechen und gesunde Rahmenbedingungen für alle Beteiligten zu schaffen: Physiotherapeuten und Patienten.
Würden Sie sich heute nochmals für den Beruf des Physiotherapeuten entscheiden?
Der Beruf ist immer noch meine Berufung, aber unter den Voraussetzungen würde ich mich heute wohl dagegen entscheiden.
Weitere Informationen:

Unter dem Hashtag #ohnemeinenphysiotherapeuten  und www.ohne-physios.de läuft eine bundesweite Aktion, die auf die Misere der Therapeuten aufmerksam macht. Hier wollen die Betroffenen den Verantwortlichen der Kassen und des Gesundheitsministeriums zeigen, wie wichtig die Physiotherapie für viele Patienten ist. Betroffenen können sich hier einbringen und mit einer Petition will man möglichst viele Unterschriften sammeln um auch die politische Ebene zu erreichen.

Unter der Seite: https://therapeuten-am-limit.de/ berichtet Therapeut Heiko Schneider von seiner Radtour von Frankfurt nach Berlin um dort persönlich einen Brandbrief an die Politik zu überreichen.

Quelle: