Mittelhessen.de Beitrag vom 17.08.2018

Patienten sind die Leidtragenden

PROTEST  Physiotherapeuten wollen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen

In Marburg hat Physiotherapeut Martin Hauck-Trampe die Intiative ergriffen und gemeinsam mit seinen Kollegen die Aktion „Therapeuten am Limit AG Marburg“ ins Leben gerufen.

Ziel ist es, so der Tenor in einer Pressekonferenz, dem Berufszweig Gehör zu verschaffen: bei der Politik, vor allem aber bei den Krankenkassen. Ihnen werfen die Physiotherapeuten vor, sie mit einem abstrusen Regelwerk zu gängeln. Papiere und Geld seien wichtiger als die Patienten. Zudem sollen bei der Aktion weitere Praxen in Mittelhessen, aber auch die Patienten, mit ins Boot genommen werden.Ortstermin auf dem Land deckt auf, wo die Probleme liegen

Ein Ortstermin in einer Physiotherapie-Praxis auf dem Land, in Steffenberg im Landkreis Marburg-Biedenkopf, gibt Aufschluss darüber, was vor Ort täglich passiert: Ein engagiertes Team, das Patienten helfen will, sieht sich einem enormen Bürokratieaufwand und dem steigenden Kostendruck ausgesetzt.

Acht Therapeuten beschäftigt Praxisinhaber Stefan Kleebauer. Er ist Physiotherapeut geworden, um kranken Menschen zu helfen. „Wenn der Job mir nicht so viel Spaß machte, würde ich es nicht machen,“ sagt er. Und verweist darauf, dass man in keinem anderen Berufszweig so viel Feedback von dankbaren Patienten bekomme.

Idealismus ist in diesem Heilberuf mehr denn je gefragt. Das wird im Gespräch mit den Therapeuten schnell deutlich. Wenn sie sich an die Vorgaben halten, bleibt für den Patienten ein Zeitfenster von 20 Minuten. An- und Ausziehen, Vorgespräch, Untersuchung, Behandlung. Nicht mitgerechnet ist dabei die Zeit, in der Patienten ihre emotionalen Befindlichkeiten loswerden. „Da fließen auch schon mal Tränen“, sagt eine Therapeutin.

Pro Behandlungseinheit bekommt die Praxis 17,55 Euro. Früher, erinnert sich Martin Hauck-Trampe, habe die Finanzierung ausgereicht, um sich 30 Minuten Zeit für einen Patienten zu nehmen. „Die zunehmende Bürokratie hat das aber an die Wand gefahren“, klagt er.

Beschwerden würden mit dem Argument abgetan: wenn ihr schneller arbeitet, habt ihr mehr. „So etwas ist völlig kontraproduktiv in diesem Beruf“ empört sich Stefan Kleebauer.

Seine Mitarbeiterinnen sprechen von einem zunehmenden Druck, der sich nicht nur durch bürokratische Hürden aufbaut, sondern auch durch finanzielle Anforderungen, die ihnen zum Beispiel für Aus- und Weiterbildung entstehen. Weiterbildungen, die für die Berufsausübung zwingend vorgeschrieben sind, dauern Monate und kosten mehrere Tausend Euro. Über den Fortbildungsurlaub hinaus muss dafür privat Urlaub genommen werden, weil der Betrieb in der Praxis sonst nicht aufrechterhalten werden kann.

Die Patienten bekommen den Druck ebenfalls zu spüren. Sie erhalten Rezepte zurück, die vom Arzt falsch ausgestellt wurden oder bereits nach kurzer Zeit verfallen sind. Früher blieb Zeit, von Therapiepraxis zu Arzt zu kommunizieren, das ist heute nahezu unmöglich.

Und weil es billiger für das Arztbudget sei, würden fast nur Rezepte für Krankengymnastik ausgestellt, während eigentlich eine manuelle Therapie das Mittel der Wahl sei.

Selbstbestimmte Gestaltung der Therapie ist wichtige Forderung

Dabei gelte diese Kritik nicht dem Arzt, der ähnlichen Zwängen unterliege wie die Therapeuten, sagt Hauck-Trampe und weiter: „Unsere Ausbildung qualifiziert uns zu entscheiden, was der Patient braucht.“ Gerade die selbstbestimmte Therapiegestaltung sei eine der wichtigsten Forderungen der Physiotherapeuten.

Zudem müssten Patienten oft wochenlang auf Termine warten, weil es kein Personal gebe. Da nützten auch von den Kassen forcierte Anweisungen nichts, Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt sofort zu behandeln.

Derzeit würde nahezu jede Praxis sofort Physiotherapeuten einstellen. Den akuten Fachkräftemangel begründet Hauck-Trampe mit sinkenden Schülerzahlen und Aussteigern während der Ausbildung bedingt durch hohe Ausbildungskosten und schlechte Bezahlung im Beruf.

Das bestätigte im Gespräch mit dieser Zeitung auch Michael Groh, Leiter der Ludwig-Fresenius -Schule in Marburg, die auch die Physiotherapeuten ausbildet.

In den vergangenen drei Jahren hätten von den ehemals 17 Schulen in Hessen bereits zwei geschlossen, so Groh. Auch an seiner Schule registriert er einen steigenden Bewerberrückgang.

Von insgesamt 260 Schulen bundesweit seien nur 60 schulgeldfrei, an den restlichen privaten müsse Schuldgeld bezahlt werden, damit sie sich finanzieren könnten.

In Sachsen, Thüringen und Bayern gibt es laut Groh Finanzhilfen, in Hessen gelte das aber nur für den Pflegebereich.

Vorsichtig kalkuliert, sagt er, müsse ein Schüler in Marburg für die drei Ausbildungsjahre 15 000 Euro bezahlen. Dazu kommen die Lebenshaltungskosten, unter anderem für eine Wohnung, das Auto und das Unterrichtsmaterial.

Diese Kostenfaktoren und der spätere eher geringe Verdienst schrecke viele Schüler ab. Erfahrung damit macht Groh zum Beispiel auch auf Ausbildungsmessen. Hinzu kommt, dass Physiotherapeuten in der Regel Vollzeit nur 2200 Euro brutto verdienen kaum steigerungsfähig. Einziger Lichtblick laut Groh: Es gibt eine nahezu hundertprozentige Jobgarantie.

Die Situation bestätigt auch Samuel Drewsen, der zur Zeit an der Fresenius-Schule seine Ausbildung zum Physiotherapeuten macht. Er arbeitet gerade im Rahmen seiner Ausbildung im zweiten Jahr am Klinikum bereits selbstständig mit Patienten, 40 Stunden die Woche. Aber auch das wird nicht vergütet.

Und so orientieren sich bis zu 25 Prozent der Schüler bereits nach dem ersten Ausbildungsjahr neu, auch vor dem Hintergrund, dass Gleichaltrige in anderen Ausbildungszweigen schon Geld verdienen.

Junge Leute brennen trotz aller Schwierigkeiten für den Beruf

Aber Samuel wird durchhalten. Das gilt auch für Lara Michel, die in der Praxis in Steffenberg mit am Tisch sitzt und nach einem Praktikum dort fest entschlossen ist, Physiotherapeutin zu werden. „Das liegt mir einfach“, sagt sie und ist in der Schule bereits angemeldet.

Das wiederum motiviert Martin Hauck-Trampe und seine Mitstreiter, sich noch energischer für ihre Ziele einzusetzen, um den Therapeutenberuf zum Beispiel durch die Abschaffung des Schulgeldes weiterhin attraktiv zu erhalten.

Mit verschiedenen Aktionen wollen die Physiotherapeuten jetzt öffentlich auf ihre Probleme aufmerksam machen und ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Wirkungsvoll sollen sie sein, aber ein Streik kommt nicht infrage: Denn der würde ja vor allem die Patienten treffen.

Am Samstag, 25. August, findet vor vielen Praxen und in Marburg vor dem Rathaus ab 10.30 Uhr eine Kreideaktion statt: Physiotherapeuten bemalen die Straßen, um als Straßenkünstler mit Bürgern ins Gespräch zu kommen und so deutlich zu machen, dass sie und ihre Kollegen am Limit sind.

Quelle:

https://www.mittelhessen.de/hessen-welt/hessen-news_artikel,-Patienten-sind-die-Leidtragenden-_arid,1354503.html