Rede von Heiko Schneider – TheraPro Stuttgart 25.01.2019

Rede von Heiko Schneider auf der TheraPro Stuttgart vom 25.01.2019

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Original-Text zum Nachlesen:


„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist jetzt fast genau ein Jahr vergangen, seit ich meinen Brandbrief an Entscheidungsträger aus Politik und Kostenträgern adressiert hatte.

Die Resonanz auf diesen Brief war vor allem von den verantwortlichen Entscheidungsträgern recht verhalten. Es wurde auf die Veränderungen aus dem HHVG verwiesen. Man hätte ja die Probleme schließlich erkannt und nun müsse man zunächst abwarten, wie die im Gesetz verankerten Änderungen wirken würden.

Teilweise wortreich wurde mir im Grunde in den meisten Antworten signalisiert: „Jaja, wir machen ja schon. Es wird alles gut, leg Dich wieder hin!“

Sehr häufig wurde angeführt, dass es sich bei meiner Situation sicher nur um einen extremen Einzelfall handeln würde. Dies wurde teilweise auch von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von Verbandsfunktionären so formuliert.

„Wir haben doch schon so viel erreicht, die guten, vertrauensvollen und konstruktiven Gespräche haben zu großen Verbesserungen geführt.“

Auf Deutsch die identische Aussage: „Jaja, wir machen ja schon. Es wird alles gut, leg Dich wieder hin!“

Zwangsläufig machten sich bei mir Zweifel breit, sollte meine Situation tatsächlich ein Einzelfall sein?

Zum Glück haben mich viele Kolleginnen und Kollegen in endlosen Gesprächen davon überzeugt, dass es die Systemfehler sind, die die Probleme verursachen.

Und dann kamen Eure Briefe, weit über tausend haben mich bisher erreicht und es werden immer noch mehr.

Diese dann nach Berlin zu bringen war, wie es so schön heißt, alternativlos.

Während der Tour kam es auch zu vielen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen, die mich bewegt und beeindruckt haben.

Die Einzelfalltheorie war definitiv als „Fake-News“ entlarvt.

In der Folge ist viel passiert. Ihr habt mit der Kreideaktion wörtlich Farbe bekannt, habt das Gespräch mit Euren Abgeordneten gesucht und über Eure Situation aufgeklärt und diese haben das auch tatsächlich in Berlin thematisiert, der Minister hatte viele Gespräche zu führen.

Ein großer Faktor war auch die Aktion #ohnemeinenphysiotherapeuten und das „entern“ der Facebook-Live Auftritte von Minister Spahn.

Vereinzelt gab es immer noch die Stimmen, die der Einzelfalltheorie huldigten, aber es wurden weniger.

Lauter wurden allerdings die Stimmen, die meinten vertrauensvolle Gespräche hätten den Fokus auf die Heilmittelerbringer gelegt. Einzelfalltheorie 2.0 sozusagen.

Jeder Politiker spiegelt eine Aussage wieder: „Bleibt laut und macht auf Euch aufmerksam, sonst reagiert die Politik nicht.“

Um es deutlich zu sagen: Die Aktionen und die Bemühungen vieler Kolleginnen und Kollegen haben die Tür für die Verbände zum TSVG geöffnet.

Jetzt gab es die Anhörung am 16. Januar und der Deutsche Bundestag schreibt am vergangenen Montag in einer Zusammenfassung der Anhörung folgendes:

„Die Heilmittelerbringer begrüßten die geplanten Änderungen in ihrem Bereich. Damit würden die Arbeitsbedingungen und die Rahmenbedingungen für die Heilmittelversorgung deutlich verbessert.“

In meinem Kopf hallt es schon wieder nach, mantra-artig:

„Alles ist gut, leg Dich wieder hin!“

„Die Heilmittelerbringer begrüßten die geplanten Änderungen in ihrem Bereich.“

Diese Aussage hat mich zutiefst erstaunt, denn das TSVG beinhaltet keine der aktuell prekären Situation entgegenwirkende Verbesserung für Therapeuten.

Die durch die Verbände ausgehandelten Erhöhungen von 30% über 3 Jahre sind in keiner Weise ausreichend und helfen den Therapeutinnen in Deutschland nicht, aus der Falle „Altersarmut“ zu entkommen und eine Familie nach heutigen Maßstäben zu ernähren.

Diese Tatsache allein wirkt wie ein Brandbeschleuniger für den jetzt schon überall spürbaren und durch Arbeitsämter dokumentierten Fachkräftemangel. Mit solchen Aussichten auf Perspektivlosigkeit lässt sich kein junger Mensch für Gesundheitsberufe begeistern!

Gerade vor einigen Tage wurde ich nach Marburg zu einem Treffen mit knapp 100 anwesenden Therapeutinnen und Therapeuten eingeladen. Darunter waren auch einige Schülerinnen und zwei Schulleiter. Beide berichteten über einen dramatischen Rückgang der Schülerzahlen.

Die Schüler zeigten sich bestürzt, als ich die Frage stellte: „Wieviel Jahre glaubt ihr und mit welchem Gehalt arbeiten zu müssen, um im Alter die Grundsicherung zu bekommen?“

Viele schätzten das Bruttogehalt auf 2500€. Als ich dann aufklärte, dass hier nach 45 Jahren bei einem Gehalt von 2800€ die Grundsicherung zu erreichen wäre, können sie sich gewiss die nachdenklichen Gesichter vorstellen und die aufkommende Frustration.

Nicht lange ließ die Frage „Was können wir tun?“ auf sich warten.

Prompt wurde der Austritt aus den Verbänden vorgeschlagen. Was mir deutlich gezeigt hat, wo u.a. Therapeuten die Fehler suchen.

Ist dies eine Option?

Diese Frage stellt sich ebenso, wenn man vor einigen Tagen die Frankfurter Allgemeine Zeitung gelesen hat.

Zitat Jens Spahn:

“Es gibt auch Gruppen im Gesundheitswesen, die regional nicht auf Augenhöhe mit den Kassen verhandeln können, etwas die Physio- oder Ergotherapeuten.“

Da drängt sich einem doch die Frage nahezu auf, ob Herr Spahn hier erkannt hat, dass die in den Verträgen ausgehandelten Vergütungssteigerungen nicht ausreichend sind.

Wenn dies so ist, warum haben unsere Verbände dann nicht schon vor Jahren auf diesen gordischen Knoten aufmerksam gemacht?

Um auf die Frage des Austritts aus den Verbänden zurück zu kommen. Mein persönliches Ziel ist es mitnichten dies zu forcieren… dies geschieht von ganz alleine, wenn nicht mit einer Fehleranalyse und Aufarbeitung der unzumutbaren Situation begonnen wird!

Mein persönlicher Antrieb ist es, wieder Interesse für Berufspolitik zu wecken und selbst aktiv zu bleiben.

Dies wird aber nicht ohne das Zutun Aller zu bewerkstelligen sein. Ich gebe hier noch einmal zu bedenken, dass auch der demographische Wandel nicht vor unseren eigenen Reihen Halt macht.

Die vielen Briefe, die mich im vergangenen Jahr erreicht haben, verdeutlichen die Not der Kolleginnen ganz klar:

Burn out, Vertrauensverlust, Existenzangst und wie ich durch Frau Professorin Dr. Höppner gelernt habe, Selbstattribution sind nur einige der vielen Begriffe die mir seit letztem Jahr durch den Kopf gehen.

Selbstattribution, ein Wort, dass ich nur zu gut kenne. Ständig die Fehler in sich suchen. Sich selbst optimieren, um dann zu erkennen…“Es liegt nicht an dir es liegt an den Rahmenbedingungen.“

Es ist mehr als grausam was dies aus einem Menschen macht.

Eine Kollegin schrieb dazu: „Vielen Dank, durch dich kann ich nun wieder selbst gesund werden.“

Unser Alltag macht krank!

Erkannt haben dies die Fraktion Bündnis90/Die Grünen sowie die Fraktion die Linken und brachten eine Antrag mit u.a. klarer Forderung einer Erhöhung der Vergütungen in den Bundestag ein.

Weiterhin ist das TSVG nicht in der Lage, den Investitionsstau der vergangenen Jahre zu kompensieren wie soll dann hier noch zusätzlich eine Anbindung auf Kosten der Therapeuten an die Telematik stattfinden? Hier muss man sich verdeutlichen, dass der Ärzteschaft durch die Krankenkassen die komplette Telematikinfrastruktur erstatten wird.

Auch dies wurde von der Opposition erkannt und gefordert.

Eine Anfrage der Linken Ende des vergangenen Jahres, zielte darauf ab, wer denn an der Erarbeitung des Eckpunktepapier beteiligt war. In Anbetracht der aktuellen Situation eine durchaus berechtige Anfrage, die leider durch unsere Regierung sehr unbefriedigend beantwortet wurde.

In keiner Weise wurde klar, ob die Macher auch über die Notwendige Expertise verfügen und vor allem für uns und unsere Patienten das Beste wollen.

Diese Intransparenz, die das Gesundheitswesen nicht nur in unserem Bereich durchzieht muss ein absehbares Ende haben. Hier geht es um Existenzen der Heilmittelerbringer, um Familien und auch um die Ungleichbehandlung von Frauen im Gesundheitswesen!

Unfassbar traurig macht mich diese unsagbare Ignoranz und Mutlosigkeit die unsere Regierung, aber auch so manch selbst definierter maßgeblicher Verein hier vorweisen und wiederhole hier noch einmal:

„Sorgen Sie alle, die für Änderung dieses unhaltbaren Zustandes Mitverantwortung tragen, alsbald dafür, dass die Einkünfte der niedergelassenen Therapeuten eine Anpassung an die notwendigen Erfordernisse erfahren!“

Und die Kolleginnen, Euch hier, möchte ich noch bitten, kritisch zu sein, laut zu werden und den Verantwortlichen klar die Frage zu stellen, ob sie für uns und die Versorgung der Menschen in unserem Land wirklich das Beste wollen und wie sie gedenken, dies endlich umzusetzen!

Und eins kann ich versprechen, ich werde mich frühestens dann wieder hinlegen, wenn tatsächlich alles gut ist.

Vielen herzlichen Dank

Euer Heiko“


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