Liebe Kollegin,
Lieber Kollege,

wir freuen uns sehr die Kollegin Sarah Strahl (Logopädin) für das heutige Türchen am 2. Advent mit einer Videobotschaft gewonnen zu haben.

Sarah Strahl hat unter anderem am 29.11.2018 einen Mark erschütternden öffentlichen Brandbrief aus Sicht einer selbständigen Logopädin geschrieben, welcher innenhalb weniger Tage unglaubliche 3057 mal geteilt wurde und uns Heilmittelerbringer erneut in die öffentliche Medienlandschaft katapultierte.

Wir ziehen unseren Hut vor so viel Engagement, Stärke & Durchhaltevermögen!

Mögen noch viele Kollegen folgen!

Euer Therapeuten-am-Limit-Team

P.s.: Alles Gute zum Geburtstag, Sarah!


HIER geht’s zum öffentlichen Brandbrief vom 29.11.2018:

ANFANG

Ich bin Sarah Strahl, aus dem Ostseebad Kühlungsborn! Während der gesamten Ausbildung zur Logopädin ging ich geringfügig beschäftigt arbeiten (Schmuck verkaufen, Eis verkaufen, Kleidung verkaufen – alles, was man an der Ostsee so macht), um das Studium zu finanzieren und meinen Eltern nicht zu sehr auf der Tasche liegen zu müssen. Ich zog mit 18 aus. Das WG-Leben war nicht immer einfach, aber mehr als 320€ Miete waren nicht drin! Zusätzlich fielen über 4 Jahre hinweg 500€ Schulgeld PRO MONAT für die private Hochschule an! Das sind insgesamt übrigens stolze 24.000€! Hinzu kommen Prüfungsgebühren, Bahntickets und andere obligatorische Dinge wie Bücher und weiteres Material! Um mobil für die Praktika zu sein (Praxis, Hausbesuche, Klinik usw.), war ein Auto notwendig! BAföG-Anspruch hatte ich nicht! Stattdessen nahm ich einen Bildungskredit auf, um mir meinen Traum vom Therapeutenberuf zu verwirklichen. Ich danke meinen Eltern sehr, dass sie mich auf meinem Weg zu meinem Traumjob unterstützt und begleitet haben! Mir war klar, dass ich den Bildungskredit in Höhe von über 7500€ nach einigen Jahren zurückzahlen muss … Wovon? Die Frage stellte sich erst zu einem späteren Zeitpunkt!
Nach meinem Studium wollte ich unbedingt in die Praxis! Ausprobieren, Lernen, Diagnostizieren, Therapieren, Helfen! Die ersten Bewerbungsgespräche waren geprägt von Nervosität und Anspannung. Den Arbeitsvertrag in der Tasche, stellte sich schlechte Stimmung ein … 600€ Netto gab es 2012 für eine 20 Stundenwoche für mich! Weil das nicht reichte, arbeitete ich zunächst für einen, dann für zwei weitere Arbeitgeber, sodass bei meiner Vollzeittätigkeit (40 Std.) 1780€ Brutto übrig blieben (mit Fahrtzeit war ich dafür etwa 47 Stunden unterwegs). Eigentlich muss man sich dafür schämen, denken wohl viele – aber schämen muss sich nur unser System im „reichen“ Deutschland. Wie mit Fachkräften umgegangen wird, darum soll es in diesem Brief nicht gehen, aber ja! Es lohnt sich auch nicht für 2000€ Brutto vom Sofa aufzustehen!

„Wie soll ich davon jemals den Bildungskredit refinanzieren?“, dachte ich mir und holte den nächsten Patienten in den Therapieraum! Tag für Tag!

Nach 2.5 Jahren im Beruf kam er dann! Der bislang SCHWÄRZESTE TAG meines Lebens. Ein Geisterfahrer fuhr mir frontal ins Auto.
Es folgte ein Krankenhausaufenthalt, unzählige Schmerzspritzen und hunderte Termine bei Physiotherapeuten (ohne die ich nicht zurück ins Leben gefunden hätte!!!), ich habe meinen Job verloren, …
Ich bekam nach meiner 9 monatigen Krankheitsphase dann also Hartz IV, es gab Demütigungen bei Ämtern und Misserfolge! Ich fand keine Anstellung, da alle potentiellen Arbeitgeber mit erneuter Krankheit und evtl. Reha meinerseits rechneten (mussten).

So kam ich zu dem Entschluss: „Das schaffe ich auch alleine – irgendwie!!! Ich mach‘ mich selbstständig!“ Die Krankheitszeit im Bett, nutzte ich für die Standortsuche, die Akquise und alles was dazu gehört. Ich entwarf mein Logo und eröffnete schließlich 10 Monate nach meinem Autounfall, ohne einen Gründungszuschuss bekommen zu haben, meine eigene Praxis. 2016 kam dann der zweite Standort dazu. Mittlerweile leite ich ein Team von 7 Therapeuten – immer mit viel Engagement, Empathie, Respekt, Achtung, Teamgeist und Herz! Ich wollte es anders machen, meine Familie, meine Mitarbeiter und meine Patienten nicht vernachlässigen, aber mich dennoch berufspolitisch und medienwirksam engagieren.

Es kann nicht sein, dass ich meinen Mitarbeitern gute Löhne zahlen ODER privat für die Rente vorsorgen möchte! Es muss auch beides möglich sein! Meine Mitarbeiter verdienen in MV ca. 2000-2100 € Brutto plus verschiedenste Boni, um die Wertschätzung zu signalisieren, denn ich hab das beste Therapeutenteam der Welt zusammengestellt!!!
Ich selbst habe für deutlich weniger Geld im Angestelltenverhältnis gearbeitet! Wenn ich mir meine aktuellen Arbeitszeiten von teilweise 70 Wochenstunden anschaue, möchte ich an meinen eigenen Stundenlohn nicht einmal denken! Teure Fortbildungen, Mietpreise an der Ostsee, kostenintensives Therapiematerial und die Ausstattung der Praxis stehen in keinem Verhältnis zu den Vergütungen der Krankenkassen! Jeder Tag ist geprägt von Ängsten und Sorgen in Bezug auf die immer pünktlich zu zahlenden Löhne, die Verpflichtungen gegenüber der Krankenversicherung, dem Finanzamt, den Vermietern, …
Für eine eigene Altersvorsorge, oder gar Rücklagen für den Fall der Fälle (Schwangerschaft von Mitarbeitern, Krankheit, usw.) ist nicht zu denken. Der eigene Kinderwunsch wird hinten angestellt! Das Auto oder die Waschmaschine dürfen auf keinen Fall kaputt gehen!

Alltagssituation – Ein ganz normaler Arbeitstag!

8.00 Uhr – 2 Nachrichten auf dem AB (1: Neuanmeldung Hausbesuch
mit schwerer Schluckstörung; keine spezialisierten Fachkräfte im
Umkreis, Patient wohnt 25 km von unserer Praxis entfernt  Rückruf
Warteliste!), (2: Neuanmeldung: Säugling mit schwerer Fütterstörung,
Hausbesuch – Mutter telefonierte bereits 3 Praxen ab und wurde
abgelehnt). 08.15 Uhr – Patient 1 kommt mit neuem Rezept (leider sind zwei Kreuze auf der Verordnung falsch gesetzt – da das Kind nicht ruhig auf dem Stuhl sitzt und wartet, sondern auf seine 45 min Therapiezeit besteht, muss das Rezept nach Feierabend zum Arzt gefaxt werden),
09.00 Uhr Fahrt zur Intensivpflege – 5 Patienten im Wachkoma – 13.30-14.00 Uhr eigentlich Mittagspause, aber das Telefon klingelt und eine Pflegeeinrichtung bettelt um eine Schulung für Pflegehelfer, da diese keine ausgebildeten Fachkräfte sind, welche Schluckstörungen bei Bewohnern erkennen können – also keine Mittagspause! 14.00 Uhr Gruppentherapie mit 3 Kindern. 14.45 Uhr Patient 10 bringt eine Erstverordnung, es soll aber eine Folgeverordnung sein (der Arztstempel ist zwar drauf, aber eine Unterschrift des Arztes fehlt) – gleiches Spiel wie bei Patient 1 – Fax geht nach Feierabend raus. 15.30 Uhr Patient 11 hat den Termin vergessen, es wäre eine Neuanmeldung gewesen – demzufolge kann nicht einmal eine Ausfallrechnung gestellt werden. 16.15 Uhr Patient 12 betritt weinend den Therapieraum und sucht tröstende Worte und erwartet 100%ige Aufmerksamkeit von mir. 17 Uhr Feierabend? Ach, nein! Die zwei Faxe müssen noch raus! Da wir weder eine Reinigungskraft noch eine Rezeptionskraft finden, muss noch geputzt, abgewaschen und telefoniert werden. Meine Kollegin, die erst seit kurzem da ist und in der Ausbildung keine Inhalte zur Rezeptkontrolle vermittelt bekam, hat noch eine Frage zur Genehmigung einer Verordnung außerhalb des Regelfalls. Mein Partner schrieb mir eine Whatsapp-Nachricht, dass er mit dem Hund einmal zum Strand geht und auf mich wartet …

Wer schafft es nicht im Hellen nach Hause?
Die Praxisinhaberin – Ich.

Die Liebe zum Beruf allein reicht einfach nicht! Davon kann man am Ende nicht leben, auch wenn ich mir für mich keinen tolleren Beruf wünschen kann! Am Ende des Geldes ist noch so viel Monat übrig! Am Ende des Berufslebens wartet keine Rente, keiner ruhiger, entspannter Alltag, keine Urlaube mit den Kindern und/oder Enkeln, sondern Altersarmut!
Erst im Herbst 2017 musste eine liebe Freundin von mir (auch aus MV) ihre Zweigstelle ihrer Logopädie-Praxis schließen, weil sie auch nach 6 Monaten keine Angestellte finden konnte und ihr die Krankenkassen die Zulassung entzogen!

Ich kann jedes Wort im Brandbrief von Heiko Schneider nur unterstützen und bestätigen! Ich danke an dieser Stelle allen, die bereits jetzt großartiges geleistet haben: Diethild Remmert, Jens Uhlhorn, Michael Schiewack, Michaela Brueck, Rieke Guhl, Susann Schreiber, Volker Brünger, Andreas Flinner, Markus Troidl, Rene Portwich, Michel Wallner, Magdalena Deylami, natürlich Heiko und all den anderen engagierten Kollegen! Ihr seid <3 !

Werte Politiker! Tun Sie etwas, damit die Therapeuten von damals, von heute und von morgen eine Zukunft haben!!! JETZT! Ohne Staffelung über mehrere Jahre! Wenn nicht, ist es für unzählige Praxen zu spät und sie müssen schließen! Werden Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und treffen Sie zeitnah die richtigen, konsequenten und die Situation verbessernden Entscheidungen!

Ich wünsche mir … !

Faire Kassensätze von mindestens 1,50 € pro Minute

Berichte, die aus Zeitgründen sowieso von den meisten Ärzten nicht gelesen werden, müssen angemessen vergütet werden – es steckt UNSER Fachwissen drin!

Es muss freien Praxen möglich sein das Lohnniveau wie in der Klinik auch an die Mitarbeiter in den Praxen zu zahlen, sonst haben wir bald keine Praxen mehr!!!

Der Bürokratiewahnsinn muss abgeschafft werden und die aufgebrachte Zeit muss abrechenbar sein!

Schulgeldfreiheit und Reformierung der Ausbildungs- bzw. Studieninhalte!

Hausbesuche müssen deutlich besser vergütet werden! Die Krankenkassen haben einen Versorgungsauftrag – auch auf dem Land!

Für erbrachte Leistungen darf es keine Absetzungen geben, nur weil ein Kreuz auf dem Rezept falsch gesetzt wurde!

Sitz und Stimme im gemeinsamen Bundesausschuss

Abschaffung von Regressen und Budgetierungen seitens der Ärzte – es geht um das Patientenwohl!

ENDE

Quelle:
https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=2420014228033047&id=100000734801514


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