Süddeutsche Zeitung Beitrag vom 22.08.2018

Branche am Limit

Physiotherapeuten werben für zügige Schulgeld-Abschaffung

Von Johann Osel

    In der Debatte um das Schulgeld für angehende Physiotherapeuten erhöhen die Fachverbände den Druck auf die Politik – trotz eines Antrags der CSU-Mehrheit im Landtag zum Thema. „Es gibt immer wieder Signale vonseiten der Politik, aber die Mühlen mahlen zu langsam“, teilte Markus Norys mit, Vorsitzender der Interessensvertretung Physio-Deutschland in Bayern. Der Landtag hatte kürzlich die Staatsregierung aufgefordert, sich auf Bundesebene dafür einzusetzen, das Schulgeld für die Ausbildung in Gesundheitsfachberufen zügig abzuschaffen. Eben das sieht auch der Koalitionsvertrag im Bund vor. Norys meint aber: „Wenn die Verantwortung auf die Bundesebene geschoben wird, sehe ich schwarz für eine zeitnahe Lösung.“ Er und andere Verbände wollen eine Regelung auf Landesebene.

    Jobs in der Physiotherapie bleiben bundesweit im Durchschnitt 151 Tage vakant, in Bayern noch etwas länger, betont der Verband; die Fachkräfte-Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit weist Bayern als besonders kritische Region aus. Die dreijährige Ausbildung an Fachschulen kostet bis zu 20 000 Euro (ein Medizinstudium wäre gratis). An öffentlichen Fachschulen wird zwar kostenlos gelernt, allerdings stellen den Löwenanteil der Ausbildungskapazitäten staatlich anerkannte beziehungsweise genehmigte Fachschulen. Das zeigte die Antwort der Staatsregierung auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Angelika Weikert. Die privaten Berufsfachschulen erhalten staatliche Zuschüsse, die im Falle einer Abschaffung des Schulgelds auf bayerischer Ebene wohl erhöht werden müssten. Der Physio-Verband verweist darauf, dass Absolventen der Schulen in ein Niedriglohnsegment einsteigen, Schulkosten könne man so kaum amortisieren. Die geringe Attraktivität des Jobs für den Nachwuchs hat demnach Folgen für Patienten: Laut Heilmittel-Richtlinie soll eine Behandlung spätestens 14 Tage nach ärztlicher Verordnung beginnen. Branchenvertreter sagen, in der Praxis müsse man Kranke nicht selten Wochen vertrösten – aus Personalmangel. Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft dürfte sich die Lage verschärfen.

    Der Koalitionsvertrag von Union und SPD verheißt eine Streichung des Schulgeldes, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte sich zuletzt mehrmals wohlwollend dazu. Die konkrete Umsetzung oder sogar Termine scheinen jedoch weiter offen zu bleiben. Als „unumgänglichen Schritt“ bezeichnete auch die CSU-Fraktion die kostenfreie Ausbildung; gleichwohl unter der Ägide des Bundes.

    Viele bayerische Vertreter der Heilberufe unterstützen auch die bundesweite Protestgruppe „Therapeuten am Limit“. Damit demonstrieren Physiotherapeuten – sowie unter anderem Ergotherapeuten, Logopäden oder Fußpfleger – gegen „unattraktive Rahmenbedingungen“. Neben der Schulgeldfrage beklagen sie etwa auch geringe Vergütungen durch Krankenkassen und einen hohen Bürokratieaufwand. Die Vereinigung startet an diesem Samstag eine „Kreideaktion“. Hierbei werden Fachkräfte den Slogan „Therapeuten am Limit“ auf öffentliche Wege malen, um mit Passanten über ihre Situation ins Gespräch zu kommen. In Bayern wollen zum Beispiel Aktionsgruppen in Augsburg und Nürnberg teilnehmen.

    Quelle:

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/heilberufe-branche-am-limit-1.4100790