Therapeutinnen und Therapeuten haften mit ihren Einkommen für Systemfehler

Aktuell berichtet die Badische Zeitung über die Absetzungspraktik der IKK Classic in Baden-Württemberg ( https://www.badische-zeitung.de/kasse-fordert-geld-zurueck ). Allein der Vergleich des IKK Pressesprechers der Retaxierungen mit der Prüfung von Kassenbons aus dem Supermarkt ist schon als Affront gegen die Leistungserbringer zu werten. Die Summe des Absetzungsvolumens von 4 Millionen Euro macht zusätzlich die Brisanz deutlich, insbesondere vor dem Hintergrund der bisher erreichten gesetzlichen Änderungen.

Über 1000 Therapeutinnen und Therapeuten haben durch ihre Brandbriefe ihre prekäre Situation öffentlich gemacht. Die Briefe liegen dem Bundesministerium für Gesundheit im Einzelnen vor, ebenso wie die wissenschaftliche Auswertung und die daraus abgeleiteten Problemfelder. Letztendlich hat der Bundestag die Situation erkannt und gesetzliche Regelungen zu Verbesserung der Situation der Therapiefachberufe vorgenommen. Minister Spahn hat wörtlich anerkannt, dass die Proteste berechtigt waren.

Das genau in diesem Moment eine Krankenkasse von der Möglichkeit Gebrauch macht, vier Jahre rückwirkend nochmals alle Physiotherapieverordnungen zu prüfen, mag rechtlich nicht zu beanstanden sein oder tatsächlich formelle Fehler zum Anlass haben. Und natürlich trägt der Berufsstand eine gewisse Mitschuld an der Tatsache, dass überhaupt vier Jahre rückwirkend geprüft werden kann. Dieses Vertragsdetail wurde nicht erzwungen, sondern verhandelt und durch die Physio-Verbände unterschrieben. Der Gesetzgeber hat jedoch schon durch die detaillierten Vorgaben für zukünftige Vertragsverhandlungen auf die bisherige Verhandlungsschwäche der Berufsvertretungen reagiert und steht nun in der Frage der Regresspraxis erneut in der Pflicht.

Die ausgestellte ärztliche Verordnung dokumentiert den Therapiebedarf, die Notwendigkeit der Versorgung und den Anspruch des Versicherten auf eine Leistung, für die er aufgrund seines niedrigen Einkommens in eine Pflichtversicherung einzahlen muss. Das bisherige System der Versorgungssteuerung über die Vorgaben der Heilmittelrichtlinie führt zu einem Rahmenkonstrukt, welches Fehler provoziert. Dies scheint auch das angestrebte Ziel der Steuerung zu sein.

Es ist zu hinterfragen, ob eine an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtete Patientenversorgung durch die starren Vorgaben der Heilmittelrichtlinie überhaupt umzusetzen ist. Ob dies mit den geplanten Änderungen der Heilmittelrichtlinie gelingen mag, sei dahingestellt.

Eine nachträgliche Retaxierung aufgrund von Formfehlern konterkariert diesen Leistungsanspruch und schafft einen enormen Druck für die Leistungserbringer, zusätzlich zu den ohnehin als belastend eingestuften Rahmenbedingungen. Das führt dazu, dass immer mehr Therapeuten aus dem Kassensystem aussteigen und ihre Leistungen insbesondere für sozial schwache Versicherte immer schlechter erreichbar werden.

Wenn jetzt eine einzige Krankenkasse, wie das aktuelle Beispiel der Absetzungspraktik der IKK Classic zeigt, in einem Bundesland 46.000 Rezepte mit einem Absetzungsvolumen von 4 Millionen Euro retaxiert, so ist dies doch nur als Alarmzeichen zu werten. Bei der Menge an beanstandeten Rezepten kann nur ein gravierender Systemfehler konstatiert werden. Sollten sich andere Kassen dieser Absetzungspraxis anschließen, würde dies zu einem Zusammenbruch der Versorgung führen.

Wir fordern alle politischen Entscheidungsträger auf sich für eine gesetzliche Regelung einzusetzen, die diesen Irrsinn unterbindet. Es ist unzumutbar, dass Therapeutinnen und Therapeuten weiterhin mit ihrem Einkommen für Systemfehler haften, die sie nicht zu verantworten haben!

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2 Antworten auf „Therapeutinnen und Therapeuten haften mit ihren Einkommen für Systemfehler“

  1. Ich frage mich wer davon am meisten profitiert. Denn um denn Patienten geht es hier schon lange nicht mehr. Was für eine reife Bühnenschau, und das schlimmste ist das über 90% darauf reinfallen. Traurige Welt

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  2. Schon wieder!! Es geht um Verordnungen aus den Jahren 2015. Der verordnende Arzt hat die Verordnung fehlerhaft ausgefüllt. Wir sind verpflichtet, die Verordnung auf Korrektheit zu kontrollieren. Ganz oft sind es Nichtigkeiten wie zum Beispiel falsches Kreuz bei Erst – oder Folgeverordnung, zu lange Lücke zwischen Ausstellungsdatum und Therapiebeginn. Es dauert häufig lange, ehe eine falsche Verordnung korrigiert wird. Die Therapeuten, die ja den Fehler nicht gemacht haben, müssen im Wartezimmer warten, ehe der Arzt die erforderliche Unterschrift leistet. Und nun kommt die IKK Classic und fordert bereits ausbezahlte Gelder zurück, weil sie jetzt gemerkt hat, dass Verordnungen fehlerhaft waren. Die therapeutischen Leistungen wurden alle erbracht. Unfassbar. Wir haben eh schon Fachkräftemangel, wenn jetzt noch Praxisinhaber hinschmeissen, dann geht das Praxissterben munter weiter und die Versorgung der Patienten wird gefährdet und auch die Existenz der Therapeuten steht auf dem Spiel. Das mit einem Kassenbon und einer anschließenden Reklamation zu vergleichen ist arrogant und zeugt von Unkenntnis der Gesamtsituation.

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