VDB Verbandszeitschrift THERAPIE & PRAXIS – Interview Beitrag vom 23.08.2018

#Therapeuten am Limit:

Was bedeutet das Hashtag der Kreideaktion?

Heiko Schneider erzählt im Gespräch mit unserer Redakteurin Daniela Driefert über die prekäre Situation der Therapeuten.
Heiko Schneider ist Physiotherapeut. Auf den ersten Blick wirkt er nicht wie ein Mann, der unbedingt im Rampenlicht stehen muss. Und dennoch: Schneider avancierte in den letzten Wochen zur Galionsfigur der Therapeutengemeinde auf Facebook. Warum? Weil er öffentlich sagt, was viele denken: „Ich bin am Limit“.
In einem Brandbrief legte er seine berufliche Situation offen. Zahlreiche Kollegen erkannten sich wieder, bestätigten in eigenen Briefen die prekären Berufsverhältnisse. Schneider entschied die Dokumente Vertretern des Gesundheitsministeriums zu übergeben. Dafür legte er die Strecke von Frankfurt nach Berlin mit dem Rad zurück. Die Redaktion der Therapie und Praxis traf ihn in Brandenburg. Im Interview mit Daniela Driefert erzählte Schneider seine Beweggründe und was sich in der Physiotherapie ändern muss.

VDB: Heiko, wie viele Nachrichten bekommst du am Tag?
Heiko Schneider: Hunderte. Ich zähl das nicht mehr. Briefe bekomme ich am Tag zwischen zehn und
dreißig. Bevor ich los bin, habe ich sie in PDFs umgewandelt, insgesamt sechshundert, die werden wir
übergeben. Der Rest kommt nach. Wir haben auch eine weitere Aktion damit vor. Die Tour sehen wir als
Start.

VDB: Sagst du uns, was ihr damit vorhabt?
Heiko Schneider: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Es haben sich Hochschulen gemeldet, die die
anonymisierte Fassung gerne für Masterarbeiten hätten. Wir werden selber auch noch eine Analyse und
Zusammenfassung schreiben. Die Fahrradtour hat uns ganz viel Mut gegeben. Dabei ist uns wichtig, dass wir auf positive Art und Weise einen Wind erzeugen, den alle nutzen können. Mich freut es, dass von
Verbandsseite so viel Unterstützung da ist. Und was mich auch begeistert ist, dass aus meiner Story, die
Story von vielen geworden wird. Das ist mir sehr wichtig. So muss das von der Politik und von allen
anderen begriffen werden, sonst haben wir keine Chance.

VDB: Deine Geschichte ist in der Tat exemplarisch. Ich habe den Brandbrief gelesen, war begeistert von
der Radtour und der Idee, auf regionaler Ebene Pressevertreter und Kollegen zu treffen. Mich begeistert
auch, dass plötzlich die Basis dabei ist. Wie erklärst du dir das? Viele Jahre haben sich nur wenige
Kollegen an den Demonstrationen beteiligt.
Heiko Schneider: Ich glaube, es musste von einer Einzelperson ein Aufschrei kommen. Viele Kollegen sind
aufgrund der letzten 20 Jahre sehr verunsichert. Es ist nie ganz klar, was läuft eigentlich auf den
Verhandlungsebenen, es ist manches nicht transparent genug, es fehlt die Öffentlichkeitsarbeit. Das ist
etwas, was ich sehr bemängele. Ich habe das selber erlebt, ich bin in mehreren Verbänden, ich wollte immer
aktiv sein, fühlte mich aber immer ausgebremst, anstatt mitgenommen. Das es mitunter sehr schwer sein
kann sich in Verbandsstrukturen einzubringen, das ist mir auch klar. Ich mache da aber niemanden einen
Vorwurf. Ich finde es dennoch umso wichtiger, dass wir jetzt alle an einem Tisch sitzen und alle versuchen
nachzudenken, wie können wir diesen Wind, der gerade erzeugt ist, weiter nutzen und zu einem Sturm
werden lassen. Wir brauchen jetzt ein Ziel- und das belegen auch die Briefe sehr schön, dass die
Therapeutenwelt aussteigt, denn am Ende sind die Leitragenden die Menschen, die Patienten. Das wird,
wenn wir das jetzt nicht aufhalten so kommen. Auf der Tour waren unglaublich viele Kollegen, zum
Beispiel ein Kollege in Osterode, der sagte, er kompensiere die Physiotherapie mit acht Mitarbeitern, die auf
zwei runterschrumpft ist, mit seiner Trainingstherapie und überlegt nun aufzugeben und zwar komplett, weil
es im Ganzen dennoch nicht reicht. Diese Situation geschieht im Aufwind des demokratischen Wandels.
Die Politik und die Krankenkassen fügen dem Gesundheitssystem einen gewaltigen Schaden zu und
begreifen das nicht. Da muss gehandelt werden und am besten schon vorgestern. Die Therapeuten wissen
das, alle Verbände wissen das, aber die es noch nicht kapiert haben, da müssen wir jetzt daran arbeiten, das
sind die Politiker und die Krankenkassen. Die Krankenkassen muss man weiter beobachten, denn
anscheinend haben sie vergessen, dass sie Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, und keine normalen
betriebswirtschaftlichen Unternehmen. Ich habe jetzt auch immer wieder gehört, die
Verhandlungspositionen zwischen den Krankenkassen und Verbänden, sei kein normales
Vertragsverhältnis, weil sie keine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind. Die AOK müsste doch von
sich aus ein Interesse haben ein Verhandlungsergebnis zu erzielen, das auch in unserem Sinne ist, weil sie
letztendlich einen Versorgungsauftrag haben. Den haben nicht wir, auch nicht die Verbände, den haben die
Krankenkassen. Und das muss korrigiert werden, und zwar in den Köpfen der AOK. Da läuft grundlegend
was falsch. Das ist meine Meinung.

VDB: Der VDB hat im vergangenen Jahr in unzähligen Wiederholungen auf den Fachkräftemangel
hingewiesen. Eine Krankenkasse hat in einem Beitrag des Hessischen Rundfunks die Existenz eines
Fachkräftemangels zurückgewiesen.
Heiko Schneider: Auf der Tour habe ich so viele Kollegen kennengelernt, die sagen, sie kriegen keine
Angestellten mehr. Ich habe Briefe von sehr vielen Aussteigern, die ganz klar sagen, ich bin aus dem Beruf
raus, weil ich damit keine Familie ernähren kann. Ich würde aber, weil ich meinen Beruf so sehr liebe,
sofort wieder zurückkehren. Viele Praxisinhaber stehen wegen dem Fachkräftemangel vor dem Ruin. Ich
selber bin von acht auf null Angestellte runter, habe seit Jahren Schwierigkeiten jemand zu finden. Jeder
Praxisinhaber sucht, das Internet ist voll, die Foren sind voll. Wer das ignoriert, der gehört eigentlich nicht
auf so hohe Positionen. Es kann nicht sein, realitätsfern zu sagen, nein das ist nicht so. Da muss man sagen, legen sie doch mal den Gegenbeweis vor. Da gibt es nichts zu diskutieren. Flächendeckend hat eine
Insolvenzwelle eingesetzt aufgrund von Versorgungsmangel. Das kann man nicht mehr schönreden.

VDB: Ich habe ein Schreiben von einer Landesregierung vorliegen, in dem klar steht, ein Fachkräftemangel
in den Therapeutenberufen liege nicht vor. Wir kämpfen gegen solche Aussagen.
Heiko Schneider: Ja, es liegt nun an uns aufzustehen, laut zu schreien. Wer so was behauptet schadet sich
doch nur selber. Was wollen die denn? Einen Aufstand der Sozialberufe und am Ende einen Aufstand der
Bevölkerung, die immer älter wird und nicht mehr versorgt wird? Können sie gerne haben, lange wird das
nicht mehr dauern. Diese Waffe haben wir noch gar nicht ausgespielt, nämlich unsere Patienten, die
monatelang darauf warten endlich ein Rezept zu bekommen, von Arzt zu Arzt rennen, ständig die
Budgetausrede vor den Kopf geknallt bekommen. Klar, man kann das ignorieren. Ich meine, so wie die
letzte Bundestagswahl ausgegangen ist wissen wir alle, wem das in die Hände spielt. Und ich glaube, das
kann sich in Berlin keiner mehr leisten. Irgendwo müssen da ein paar Köpfe jetzt mal aufwachen. Pflege
liegt am Boden, Therapieberufe liegen am Boden, Hebammen sind kaputt. Entschuldigung, was wollen die
Krankenkassen?

VDB: Was war der Punkt, den das Fass für dich zum Überlaufen brachte?
Heiko Schneider: Ich kann das nicht ganz auf den Punkt bringen, es gibt mehrere Faktoren, die da
zusammengeflossen sind und es gab zum wiederholten Mal eine Patientin die geistig topfit ist, die mehrere
Operationen hinter sich hatte, aber einfach nicht vorwärtskommt, weil sie nicht versorgt wird, ständig ihren
Rezepten hinterherlaufen muss. Da war ich bei ihr und habe erst einmal Tränchen getrocknet. Innerlich bin
ich explodiert. Das darf so nicht weitergehen. Das war das Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte.
Es gibt aber noch mehr. Meine eigene Geschichte über die letzten Jahre. Der Fachkräftemangel, der mich
auch betroffen hat, ich musste meine Praxis klein schrumpfen. Ich habe nie mehr verdient als meine
Rezeptionskraft, das muss man ganz klar sagen, weil die Ausgaben immer höher geworden sind, du die
Kollegen auch nur noch halten kannst, wenn du ein halbwegs vernünftiges Gehalt zahlst. In vielen Städten
liegt der Verdienst knapp über dem Mindestlohn, das ist lächerlich. Wir haben unsere Ausbildung selber
bezahlen müssen, unsere Fortbildungen selber bezahlen müssen, wir werden als Spezialisten geführt bei den
Arbeitsämtern und ein Spezialist verdient zwischen 4000 und 5000 Euro, wir verdienen aber nur 2200
brutto im Medianwert. Also darüber brauchen wir nicht diskutieren, das ist eine Frechheit. Und wenn man
sich dann die AOKen anschaut, die 16 Gehaltsstufen haben und die unterste Gehaltsstufe eines AOK
Mitarbeiters ist höher als der Medianwert für Therapeuten, das sind einfach ungelernte Telefonistinnen,
Entschuldigung, das ist eine bodenlose Frechheit und ich möchte mir das nicht mehr gefallen lassen. In der
Konsequenz verlassen viele Kollegen den Beruf. Und was mich auch ziemlich nervt: Wir sind in einem
Frauen dominierten Berufen tätig, 70 bis 90 Prozent Frauenanteil, in Berlin diskutiert man über den
Frauenanteil in Dax-Unternehmen und gleichzeitig gibt es ganze Berufsgruppen, die gerade den Bach
runtergehen. Wo sind denn da die ganzen Frauenrechtler? Da läuft was grundlegend falsch. Ich hoffe, dass
über diese Aktion ein Umdenken der Frauen stattfindet, die aufstehen und sagen: „Hey, wir werden
ungerecht behandelt, auch als Frau“. Ich sage das jetzt als Mann in einem Frauen dominierten Beruf, aber
das ist so. Ich kann nur jedem im Moment raten aufzuwachen und ganz laut zu schreien und mitzumachen
und sich das nicht mehr gefallen zu lassen.

VDB: TAL rüttelt die Öffentlichkeit wach. Aber was wollt ihr genau?
Heiko Schneider: Im Vordergrund steht ganz klar eine höhere Vergütung. Sonst brauchen wir gar nicht
weiter zu diskutieren. Wenn das jetzt nicht passiert sind die Therapeuten weg. Dann liegt die Therapiewelt am Boden. Das Schulgeld muss abgeschafft werden und zwar allerschnellster Sorte, nicht nur drumherum
diskutieren, sondern einfach tun. Das ist eine ganz entscheidende Sache, beschlossen ist es eigentlich und es
passiert gerade wieder nichts und die Schulen gehen gerade alle den Bach runter, eine nach der anderen. Das
sind die zwei wichtigsten Dinge, sonst brauchen wir uns gar nicht weiter zu unterhalten. Im Moment will
ich nicht so sehr auf die Politik und die Krankenkassen schießen, im Moment geht es mir darum, dass wir
alle an einen Tisch kommen und uns schnellstens ganz konkrete Gedanken machen, wie kriegen wir diese
Kuh wieder vom Eis und das Kind aus dem Brunnen, was können wir für die Zukunft verändern, dass das in
der Zukunft nicht mehr passiert, das ist ganz entscheidend, dann können wir uns auch noch über Qualität in
der Therapie weiter Gedanken machen, aber ich denke die Therapeuten haben auch kein Geld mehr zu
investieren. Wie die meisten Praxisinhaber bin ich aber zur Fortbildung verpflichtet, auch da sehe ich es
langsam nicht mehr ein, dem nachzukommen. Ich habe ja nichts davon. Ich mache Fortbildungen mit denen
ich dann weniger Geld bekomme. Ein schönes Beispiel ist die Lymphdrainage. Ich mache eine Fortbildung
für zigtausend Euro und kriege dann nachher weniger als für die Krankengymnastik. Es ist so absurd, dass
mir niemand glaubt, wenn ich das erzähle. Arbeitnehmer aus der Wirtschaft, denen ich das erzählt habe, die
kriegen einen Lachanfall, sagen, du erzählst Quatsch. Die können das alle nicht verstehen.


Das Gespräch führte Daniela Driefert, verantwortliche Redakteurin der Verbandszeitschrift THERAPIE UND PRAXIS, Leiterin SG 2 – VDB-Physiotherapieverband Öffentlichkeitsarbeit;

Interview / Therapie und Praxis 04/2018


Quelle:

http://www.vdb-physiotherapieverband.de/wp-content/uploads/2018/08/24.08.2018-Hashtag-Kreideaktion-Interview-Heiko.pdf